Auszüge aus dem Essay (1930) von José Ortega y Gasset (1883–1955)
„Die neue Einstellung der Masse manifestiert sich nach meiner Meinung am sinnfälligsten in ihrem Anspruch, die Gesellschaft zu führen, ohne dazu fähig zu sein.“
Provokante, ja fast ungeheuerliche Hypothesen zum Zustand Europas. Ein Essay von 1930, der streckenweise wie für unsere Zeit geschrieben scheint. Für Thomas Mann war Ortega damals der größte lebende Essayist Europas. Camus schätzte ihn, weil er den linken und den rechten Totalitarismus gleichermaßen erkannte. Ein liberaler Geist zwischen allen Stühlen, von links und rechts verflucht und vereinnamt gleichermaßen.
Hier eine Zusammenstellung markanter Aussagen (Überschriften von mir, HS):
Analyse des Massenmenschen
„Drei Prinzipien machten die neue Welt möglich: die liberale Demokratie, die experimentelle Naturwissenschaft und der Industrialismus. Die beiden letzten lassen sich zu einem zusammenfassen, der Technik. 56
(Denn) der gewöhnliche Mensch, der sich in dieser technisch und gesellschaftlich so vollkommenen Welt vorfindet, glaubt in der Tat, dass die Natur sie hervorgebracht hat, und denkt niemals an die genialen Anstrengungen ausgezeichneter Männer, durch die sie geschaffen wurde.
Noch weniger wird er zugeben, dass auch der Fortbestand dieser Errungenschaften von gewissen seltenen Tugenden des Menschen abhängt, deren geringster Ausfall den herrlichen Bau sehr rasch ins Wanken bringen würde. 58
Das veranlasst uns, in dem psychischen Diagramm des Massenmenschen die ersten beiden Linien einzutragen: die ungehemmte Ausdehnung seiner Lebenswünsche und darum seiner Person; und die grundsätzliche Undankbarkeit gegen alles, was sein reibungsloses Dasein ermöglicht hat. Man kennt die beiden Züge aus der Psychologie des verwöhnten Kindes …
… Da (die Massenmenschen) in den Vorteilen der Zivilisation nicht wunderwürdige Erfindungen und Schöpfungen erblicken, die nur mit großer Mühe und Umsicht erhalten werden können, glauben sie, ihre Rolle beschränke sich darauf, sie mit lauter Stimme zu fordern, als wären sie angeborene Rechte. 59
Der (Massen-)Mensch hat einen gewissen Ideenvorrat in sich; er findet, es sei daran genug und er geistig vollkommen ausgestattet. Da er nichts vermisst, was über seinen Horizont geht, richtet er sich endgültig mit diesem Vorrat ein. …
Den Wust von Gemeinplätzen, Vorurteilen, Gedankenfetzen oder schlechtweg leeren Worten, den der Zufall in ihm aufgehäuft hat, spricht er ein für allemal heilig und probiert mit einer Unverfrorenheit, die sich nur durch ihre Naivität erklärt, diesem Unwesen überall Geltung zu verschaffen. 71
Die neue Einstellung der Masse manifestiert sich nach meiner Meinung am sinnfälligsten in ihrem Anspruch, die Gesellschaft zu führen, ohne dazu fähig zu sein.
Und Barbarei ist es, geben wir uns keinen Täuschungen hin, die dank der zunehmenden Aufsässigkeit der Massen in Europa anzubrechen droht. 73“
Der Spezialist als Massenmensch
„Unter Masse … soll nicht speziell der Arbeiter verstanden werden; Masse bezeichnet hier keine gesellschaftliche Klasse, sondern eine Menschenklasse oder -art, die heute in allen gesellschaftlichen Klassen vorkommt und darum charakteristisch für unser Zeitalter ist, das sie bestimmt und beherrscht. 113
Nun wohl, es erweist sich, dass der heutige Wissenschaftler das Urbild des Massenmenschen ist. … Der Forscher, der eine neue Naturtatsache entdeckt hat, muss ein Gefühl der Überlegenheit und Sicherheit bekommen. … Der Spezialist ist in seinem winzigen Weltwinkel vortrefflich zu Hause; aber er hat keine Ahnung von dem Rest. 117
…früher konnte man die Menschen einfach in Wissende und Unwissende, in mehr oder weniger Wissende und mehr oder weniger Unwissende einteilen. Aber der Spezialist lässt sich in keiner der beiden Kategorien unterbringen. Er ist nicht gebildet, denn er kümmert sich um nichts, was nicht in sein Fach schlägt; aber er ist auch nicht ungebildet, denn er ist ein Mann der Wissenschaft und weiss in seinem Weltausschnitt glänzend Bescheid. Wir werden ihn einen gelehrten Ignoranten nennen müssen, und das ist eine überaus ernste Angelegenheit; denn es besagt, dass er sich in allen Fragen, von denen er nichts versteht, mit der ganzen Anmaßung eines Mannes aufführen wird, der in seinem Spezialgebiet eine Autorität ist.
Jedermann kann beobachten, wie töricht heute in Politik, Kunst, Religion und den allgemeinen Lebens- und Weltproblemen die Gelehrten und in ihrem Gefolge Arzte, Ingenieure, Finanziers usw. denken, urteilen und handeln. Die Taubheit, die Unbotmäßigkeit, die ich immer wieder als Merkmale des Massenmenschen bezeichnet habe, erreichen gerade in diesen teilweise qualifizierten Menschen ihren Gipfel. Sie sind das Symbol und in nicht unbeträchtlichem Ausmaß die Träger der gegenwärtigen Herrschaft der Massen, und ihre Barbarei ist der unmittelbarste Grund zur Demoralisierung Europas. 119“
„Die größte Gefahr“ – der Staat
(Bezug zu Oswald Spengler „Untergang des Abendlandes“: Zivilisation ist das Gerippe, das übrig bleibt, wenn eine Hochkultur sich ihrem Untergang zuneigt)
„Der moderne Staat ist das sichtbarste und bekannteste Erzeugnis der Zivilisation. Und es ist sehr aufschlussreich, ja eine Offenbarung, sich die Einstellung des Massenmenschen zum Staat zu betrachten. Er sieht ihn, bewundert ihn, weiß, dass er da ist und für die Sicherheit seines Lebens bürgt; aber er hat kein Bewusstsein davon, dass der Staat eine Menschenschöpfung ist, von bestimmten Männern geschaffen und durch gewisse Tugenden und Voraussetzungen erhalten, die der Mensch gestern besaß und morgen verlieren kann. …
Man stelle sich vor, dass im öffentlichen Leben eines Landes irgendeine Schwierigkeit, ein Konflikt, ein Problem auftaucht; der Massenmensch wird zu der Forderung neigen, dass der Staat sich sofort damit befasst und sie mit seinen riesenhaften und sicher wirkenden Mitteln direkt zu lösen unternimmt.
Das ist die größte Gefahr, die heute die Zivilisation bedroht: die Verstaatlichung des Lebens, die Einmischung des Staates in alles, die Absorption jedes spontanen sozialen Antriebs durch den Staat. …
Die Folgen dieser Neigung müssen verhängnisvoll werden. Die schöpferischen Kräfte der Gesellschaft werden durch die Dazwischenkunft des Staates immer wieder vergewaltigt; kein neuer Samen kann Frucht tragen. Die Gesellschaft muss für den Staat, der Mensch für die Regierungsmaschine leben.
Und da der Staat letzten Endes eben nur eine Maschine ist, deren Dasein und Erhaltung von der Lebenskraft ihrer Besorger abhängt, wird er, nachdem er der Gesellschaft das Mark ausgesogen hat, selber ein klapperndes Gerippe werden und sterben… 128
Durchschaut man den zirkelhaften und tragischen Prozess der Verstaatlichung? Die Gesellschaft schafft den Staat als ein Werkzeug, um besser zu leben. Darauf stellt sich der Staat über sie, und die Gesellschaft muss beginnen, für den Staat zu leben.
Dies war das klägliche Schicksal der antiken Kultur (in Rom, HS). …kaum war (der Staat) zur vollen Entfaltung gelangt, als er… zu verfallen begann. …das ganze Leben wird bürokratisiert…. der Reichtum nimmt ab, die Weiber gebären wenig… Doch setzt sich der Staat immerhin noch aus den Mitgliedern dieser Gesellschaft zusammen. Bald jedoch genügen sie nicht mehr, um ihn zu erhalten, und man muss Fremde heranziehen, Dalmater zuerst, später Germanen. Die Fremden werfen sich zu Herren des Staates auf, und die Reste der Gesellschaft, des ursprünglichen Volkes, leben als ihre Sklaven. …
Die europäischen Nationen gehen einer Epoche großer innerer Schwierigkeiten mit überaus heiklen Problemen wirtschaftlicher, rechtlicher und politischer Art entgegen. Wie sollte man nicht fürchten, dass der Staat unter der Herrschaft der Massen alle unabhängigen Individuen und Gruppen erdrücken und so die Zukunft zu einer Wüste machen wird! 130“
Der Fehler Europas
„Es gibt auch „Massenvölker“, die entschlossen gegen die großen schöpferischen Völker aufstehen, gegen jene Elite menschlicher Stämme, welche die Geschichte gemacht haben. 142
Was … heute in Europa geschieht, ist ungesund und absonderlich. Die europäischen Gebote haben ihre Geltung verloren, ohne dass andere am Horizont auftauchen. Europa, sagt man, hört auf zu herrschen, und man sieht nicht, wer an seine Stelle treten könnte. Unter Europa verstehen wir vorzüglich und eigentlich die Dreieinigkeit Frankreich, England, Deutschland.
Europas Rücktritt wäre bedeutungslos, wenn ein Fähiger da wäre, es zu ersetzen. Aber es gibt keinen. New York und Moskau sind nichts Neues gegenüber Europa. Sie sind Randgebiete der europäischen Herrschaft, die durch ihre Ablösung vom Rumpf ihren Sinn verloren haben. …ca. 150
… Gewöhnt sich der Europäer daran, dass er nicht gebietet, so werden anderthalb Generationen genügen, damit der alte Kontinent und nach ihm die ganze Welt in sittliche Trägheit, geistige Unfruchtbarkeit und allgemeine Barbarei versinkt.“
Der Adel der klaren Köpfe
„Wer sich angesichts irgendeines Problems mit den Gedanken zufrieden gibt, die er ohne weiteres in seinem Kopf vorfindet, gehört intellektuell zur Masse. Elite dagegen ist derjenige, der gering schätzt, was ihm mühelos zufällt, und nur seiner würdig erachtet, was über ihm ist und mit einem neuen Ansprung erreicht werden muss.
Adel erkennt man am Anspruch an sich selbst, an den Verpflichtungen, nicht an den Rechten.64
Für mich ist Adel gleichbedeutend mit gespanntem Leben, Leben, das immer in Bereitschaft ist, sich selbst zu übertreffen, von dem, was es erreicht hat, fortzuschreiten zu dem, was es sich als Pflicht und Forderung vorsetzt. So stellt sich edles Leben dem gemeinen oder tatenlosen gegenüber, das sich bewegungslos in sich selbst verschließt und zu dauerndem In-sich-Beharren verurteilt ist, wenn eine äußere Kraft es nicht zwingt, aus sich herauszugehen. Dies der Grund, warum wir die Menschenart, mit der wir es hier zu tun haben, „Masse“ nennen; nicht weil sie zahlreich, sondern weil sie träge ist. 63 f.
Klar im Kopf ist der Mann, der dem Leben ins Gesicht sieht, der sich eingesteht, dass alles darin fragwürdig ist, und sich verloren fühlt. Da dies die reine Wahrheit ist, …hat, wer sie zugibt, schon begonnen sich zu finden, seine wahrhafte Wirklichkeit zu entdecken; er ist auf festem Boden. Instinktiv wird er, wie der Schiffbrüchige, nach etwas ausspähen, sich daran zu halten, und vor diesem schweren, drängenden, von Grund auf wahren Blick, … , wird sich das Chaos seines Lebens ordnen. Das sind die einzigen wahren Gedanken, die Gedanken der Schiffbrüchigen. Alles andere ist Rhetorik, Maske, inwendige Heuchelei. Wer sich nicht in Wahrheit verloren fühlt, verliert sich ohne Gnade; das heisst, er findet sich niemals, er stößt niemals auf die eigentliche Wirklichkeit. 167 …“
Der wirklich liberale Staat
„Der Liberalismus, — wir dürfen das heute nicht vergessen — ist die äußerste Großmut; er ist das Recht, das die Majorität der Minorität einräumt, und darum die edelste Losung, die auf dem Planeten erklungen ist. Er verkündet den Entschluss, mit dem Feind, mehr noch: mit dem schwachen Feind zusammenzuleben. Die Wahrscheinlichkeit war gering, dass die Menschheit eine so schöne, geistreiche, halsbrecherische und widernatürliche Sache erfinden würde. So ist es kein Wunder, wenn nun diese selbe Menschheit entschlossen scheint, sie aufzugeben. Ihre Ausübung ist allzu schwierig und verwickelt, als dass sie auf dieser Erde Wurzel schlagen könnte.
Mit dem Feind zusammenleben! Mit der Opposition regieren! Ist eine solche Humanität nicht fast schon unbegreiflich? Nichts verrät die Beschaffenheit der Gegenwart schonungsloser als die Tatsache, dass die Zahl der Länder, wo es eine Opposition gibt, immer mehr abnimmt. Fast überall lastet eine gleichförmige Masse auf der Staatsgewalt und erdrückt jede oppositionelle Gruppe. Die Masse -— wer würde es denken beim Anblick ihrer Dichte und Zahl — wünscht keine Gemeinschaft mit dem, was nicht zu ihr gehört; sie hat einen tödlichen Hass auf alles, was nicht zu ihr gehört. 78“
Die Mission Europas
„Die Hartnäckigkeit, mit der man weiterhin darauf beharrt, Blut und Sprache zur Grundlage der Nationalität zu machen, ist erstaunlich. Eine ähnliche Verdrehung begeht man, wenn man die Idee der Nation auf eine Bodengestalt gründen … möchte… 178
Die Wirklichkeit, die wir Staat nennen, ist nicht die natürlich entstandene Gemeinschaft, die durch Blutsverwandtschaft verbunden ist. Der Staat (HS wie auch die Stadt) fängt an, wenn durch Geburt getrennte Gruppen zum Zusammenleben gezwungen werden. 173
Er steigt oder er fällt. Das ist der Staat. Eine Bewegung, kein Ding, in jedem Augenblick „kommend von“ und „gehend nach“. … Wenn dieser Trieb zur Weiterbildung nachlässt, geht es mit dem Staat zu Ende.“
Wenn Nation ein Aufbruch zu gemeinsamer Tat ist, so ist ihr Wesen rein dynamisch, ein Tun, Gemeinschaft im Handeln. Demgemäß ist jeder, der sich der Unternehmung anschließt, tätiger Teil des Staates, politisches Subjekt.
Rasse, Blut, geographische Heimat, soziale Klasse stehen in zweiter Linie.
Nicht was wir gestern waren, sondern was wir morgen gemeinsam sein werden, vereint uns zum Staat. 183
Die Europäer können nur leben, wenn sie in eine große gemeinsame Aufgabe hineingestellt sind. Fehlt diese, so werden sie gewöhnlich und schlapp; die Seele geht ihnen aus den Fugen. Einen Anfang davon haben wir jetzt vor Augen.
Einzig der Entschluss, aus den Völkergruppen des Erdteils eine große Nation zu errichten, könnte den Puls Europas wieder befeuern. Unser Kontinent würde den Glauben an sich selbst zurückgewinnen und in natürlicher Folge wieder Großes von sich fordern, sich in Zucht nehmen.
Die Lage ist bedrohlicher, als man meint. Die Jahre vergehen, und es besteht Gefahr, dass sich der Europäer an das herabgestimmte Leben, das er jetzt führt, gewöhnt; dass er sich daran gewöhnt, nicht zu herrschen und sich nicht zu beherrschen. Wenn das geschähe, würden seine Tugenden und Fähigkeiten bald verfliegen. 197“
Textquelle und Seitenzahlen: José Ortega y Gaset, „Der Aufstand der Massen“ DVA – Dt. Verlagsanstalt 2002.
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