Entwicklung war der zentrale Begriff für den anthroposophischen Arzt Bernard Lievegoed, der die Organisationsentwicklung in Europa mitbegründete. Wie kann die Niederlande, wie können die kriegszerstörten Gesellschaften nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebaut werden? Sie müssen den Entwicklungsgedanken in sich aufnehmen. Diese Auffassung machten Lievegoed und Mitstreiter 1954 zur Grundlage ihres Wirkens. Mein Glück war, von Menschen lernen zu dürfen, die damals dabei waren.
Mit Geldern des Marshall Plan machten sie sich an die „Entwicklung von Mensch und Organisationen“, nach dem Vorbild des Tavistock Instituts. Dieses hatte neben der technischen Dimension auch die soziale Dimension von Organisationen in die Entwicklung mit einbezogen und Lievegoed fokussierte nochmals dezidiert auf die geistig-kulturelle Dimension.[1]
Wo ist der Begriff Entwicklung im Bewusstsein zu verorten? Hier eine anthropologische Seinslehre Rudolf Steiners, in Übereinstimmung mit der Philosophie des deutschen Idealismus und auch des Neukantianers Max Scheler.[2]
- 4 Materielles (Mineral) – Im Stein „ist“ der Geist
- 3 Lebendiges (Pflanze) – In der Pflanze „lebt“ der Geist
- 2 Seelisches (Tier) – Das Tier „erlebt“ und „will“
- 1 Geistiges (Mensch) – Im Menschen kommt der Geist darüber hinaus zu einem „Bewusstsein“ von sich selbst
Im Rahmen der Entwicklungsberatung ist es notwendig, das Geistige, oder das Bewusstsein (1), das zunächst nur in Form des Verstandes auftritt, zu erweitern, sodass es das Seelisch-Soziale (2) klarer zu erfassen vermag, und dann auch das Lebendige (3). Nur dann bekommen wir lebendige und bewegliche Begriffe, wie etwa den der „Entwicklung“.
Um „Entwicklung“ – was ja ein Vorgang ist – als solche denken zu können, muss der statische Verstand selbst lebendig gemacht werden. Das heisst, er muss systemisch und prozessual erweitert werden, damit er auch das lebendige Geschehen und dessen Einbetttung in Zusammenhänge erfassen kann. Das normale Verstandesdenken kann mit dem Leben selbst nicht umgehen. Es reduziert dieses auf Gegenstände, Analysen und Abstraktionen.
Der Verstand ist zunächst statisch und schon mit systemischen Zusammenhängen überfordert. So will etwa so mancher Lungenfacharzt keine Zusammenhänge mit dem Darm herstellen, weil das in das Gebiet eines anderen Spezialisten fällt. Ähnlich wollen manche Berater das Thema Führung kulturell oder demokratiepolitisch erst gar nicht einordnen, weil es ihr Spezialgebiet überschreiten würde und sie mit diesem Anspruch überfordert wären.
Dieser Überforderung durch die Wirklichkeit müssen wir uns als Berater aber stellen. Überforderung und Ratlosigkeit, das sind erste Kennzeichen lebendiger Bewusstheit. Das sokratische Nichtwissen kommt erst hier ins Spiel, und damit der Zugang zu wirklichem Vernunft-Wissen, also dem „vernommenen“ Wissen.
Die dritte Sphäre, das Lebendige, ist noch schwerer zugänglich als die Beziehungssphäre. In sie dringt das Bewusstsein normalerweise kaum vor. Wenn das statische Verstandesbewusstsein „Entwicklung“ denkt, verwendet es eine statische Vorstellung, anstatt der lebendigen Dynamik innezuwerden.
Ohne Erweiterung unserer geistigen Vermögen können wir Prozesse gar nicht denken. Deshalb ist die Prozessorganisation für viele Manager und Berater so schwer zu sehen und zu gestalten. Sie halten sich an die statische Aufbauorganisation, nur weil diese mit dem Verstand leicht zu erfassen ist. In der Wirklichkeit ist hingegen die Ablauforganisation der Schauplatz allen Geschehens, beispielsweise der Wertschöpfung.
Der Mathematiker Alfred North Whitehead hat 1929 den Versuch unternommen, in seinem Werk „Prozess und Realität“ darauf hinzuweisen, dass die Wirklichkeit weniger aus Dingen und Substanzen besteht, sondern maßgeblich aus Prozessen. Was wir Wirklichkeit nennen, ist eigentlich ein ständiges Werden und Sich-Umformen. Whitehead überforderte mit dieser These eine Wissenschaft, die auf festhaltbares und leicht reproduzierbares Verstandesdenken ausgerichtet war, genauso wie vor ihm schon Goethe die Naturwissenschaft seiner Zeit überfordert hatte.
Goethe hat den Versuch gemacht, die Naturlehre phänomenologisch und ganzheitlich zu denken, in der Botanik, der Morphologie, der Wetterkunde oder der Farbenlehre. Blau entsteht in der Trübe, wenn ein heller Raum vor einem dunklen gesehen wird. „Hell vor dunkel“, wie z.B. beim blauen Himmel der Fall, oder beim blauen See. Bei Gelb ist es umgekehrt, z.B. bei der Sonnescheibe selbst. Rot entsteht durch „Steigerung“ der Trübe von Gelb her oder von Blau her, sodass sie letztlich Purpur entsteht. Gelb, Blau und Rot bilden somit den Farbkreis, aus dem alle anderen Farben abgeleitet werden können.
Die Kohlpflanze wird bei Goethe zum Rettich, wenn sie die Wurzel nährt, zum Kohlrabi, wenn sie den Stengel nährt, zum Kohlkopf, wenn sie das Blatt nährt und zum Blumenkohl, wenn sie die Blüte nährt.[3] „Immer das selbe und doch immer etwas anderes“ wird Anton Webern später begeistert über Goethes Naturwissenschaft sagen.
Die Entwicklung der Pflanze vollzieht sich bei Goethe durch die selbe Polarität und Steigerung wie in der Farbenlehre, nur sind es jetzt Lebens- und Sterbeprozesse anstatt der Grundfarben. Entwicklung vollzieht sich, indem Lebens- und Sterbeprozesse zusammenwirken. Das Blatt verzichtet auf sein Leben, um zur Blüte umgewandelt zu werden usw.
Dieser frühe Versuch einer ganzheitlichen und prozessualen Wissenschaft wird bis heute nur von einer geistigen Elite wahrgenommen und geschätzt. Z.B. von Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizäcker oder Erwin Schrödinger.[4] Der Komponist Anton Webern hat das ganzheitliche Geheimnis von Goethes Naturwissenschaft ebenfalls entdeckt und als identisch mit seiner organischen Kompositionsmethode erlebt. [5]
Für Rudolf Steiner schließlich, der ja Goethes Naturwissenschaftliche Schriften herausgegeben hatte, war Goethe der Ausgangspunkt einer lebendigen und ganzheitlichen Geisteswissenschaft, die er später Anthroposophie nannte. Nur eine lebendige, ganzheitliche und organische Bewusstheit kann dem Leben und der Welt in ihrer Vielbezüglichkeit und Prozessualität gerecht werden.[6]
Die meisten Wissenschaftler und Gebildeten blicken heute eher mitleidig auf Goethe als Naturwissenschaftler herab. Allerdings fast durchwegs, ohne ihn gelesen zu haben. Also nur aus zweiter Hand, halbgebildet, wissenschaftsgläubig und ideologisch unbewusst. Sie bleiben wie viele andere Menschen in ihrem beschränkten und statischen Verstand gefangen, der weder an das Leben heran kommt, noch an den Menschen, noch an die Organisation.
Lievegoed wollte, dass die Berater des NPI organische Entwicklungen in Organisationen lebendig denken und wahrnehmen können. Das Wissen dazu ist (nicht nur) bei Rudolf Steiner detailliert und umfangreich aufzufinden, allerdings ist es nicht ohne Anstrengung zu haben und nicht ohne schmerzliche Selbsterfahrung.[7] Deshalb bleibt die mittels Übung erweiterte Bewusstheit eine Sache von wenigen, denen man auch heute noch einen elitären Anspruch vorwerfen kann.
Ohne bewusste geistige Übung über längere Zeit, dem sogenannten „Schulungsweg“, können wir dem Beruf der Entwicklungsberatung nicht gerecht werden, das wusste Lievegoed. Und es stimmt bis heute, nur ist die Zahl deren, die systematisch und langfristig an der Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten arbeiten, auch unter den Entwicklungsberatern begrenzt, wie auch unter Physikern, Ärzten oder Künstlern.
Entwicklungsberatung im Sinne von Lievegoed verlangt also, dass die Beraterinnen und Berater parallel zu ihrer Arbeit einen Schulungsweg gehen, der sie in immer anspruchsvollere Tiefen führen kann. Diese Thematik hat auch zu Zerwürfnissen und Krisen unter den Beratern geführt, die auf Basis dieses sogenannten „Lievegoed-Impulses“ ausgebildet wurden. (https://www.asd-international.org/)
Aufbauend auf die Grundlagen von Lievegoeds NPI wurden etwa von Fritz Glasl die weit verbreiteten „Sieben Wesenselemente der Organisation“ entwickelt, von Lex Bos das Modell der „Dynamischen Urteilsbildung“, oder von Claus Otto Scharmer die „Theory U“, die ja ebenfalls auf dem Entwicklungsverständnis von Steiner und Lievegoed beruht. Auch wenn die genetischen Beziehungen nicht immer explizit deutlich gemacht werden, die typologischen Analogien sprechen für sich.
Viele Berater bekommen also die ganzheitlichen Modelle gelehrt und werden auch mehr oder weniger auf die geistigen Hintergründe bei Goethe und Steiner hingewiesen. Aber das Thematisieren des Schulungsweges selbst bleibt tabu. Dies mit einem gewissen Recht, denn die Entscheidung für einen geistigen Weg ist eine sehr individuelle und existenzielle, die nur in Freiheit erfolgen und nicht verlangt werden kann.
Außerdem dauert ein geistiger Schulungsweg sicher Jahre, bis er greifbare Früchte trägt. Eine Ausbildung in Beratung müsste dann ja auch Jahre dauern, wenn ein individueller geistiger Entwicklungsweg damit verbunden wäre. Und so ist es auch.
Viele jener, die von der verlockenden Aussicht verführt wurden, dass sie nur einen einjährigen Lehrgang machen müssten, um dann das Knowhow für Organisationsentwicklung in der Hand zu haben, leiden danach als schnellgebackene Organisationsberater noch lange unter Minderwertigkeitsgefühlen, die sie nicht recht deuten können.
Wer einen geistigen Schulungsweg geht, begegnet gesunderweise von Anfang an dem „Hüter der Schwelle“, so Steiner. Dieses Erlebnis stößt uns von Anfang an auf unsere Unzulänglichkeit hin. Diesen müssen wir uns stellen und sie aushalten und verwandeln lernen. Denn Menschen, Gruppen und Organisationen sind komplexe und weitgehend unerforschte Wesen, auf die wir nur sehr begrenzt Einfluss haben. Unsere unverwandelten Schattenseiten stehen uns dabei im Wege. „Die Verantwortung für die Gruppe setzt eine Persönlichkeit voraus, die mit ihrem Schattenproblem fertig geworden ist.“ (Erich Neumann, „Tiefenpsychologie und neue Ethik“ 1949.)
Diese halb diffuse und nur halb explizite Voraussetzung, dass fähige Beraterinnen und Berater diesen persönlichen Entwicklungsweg mit seinen existentiellen Fragen und Krisen gehen müssen, hat zu einem berechtigten Ideologieverdacht seitens jener geführt, die auf andere Beratungsmodelle und Grundannahmen setzen. Also z.B. seitens kybernetischer, konstruktivistischer oder systemischer Schulen, die ja ebenfalls eine große Anhängerschaft haben.[8]
Die These von der Voraussetzung eines geistigen Schulungsweges für den Beratungsberuf hat auch zu Zerwürfnissen innerhalb von Beratungsfirmen und Beratungsnetzwerken geführt. Es gibt nämlich in solchen Gemeinschaften manchmal zwei Gruppen, nämlich jene, die einen Schulungsweg gehen und jene, die das nicht für notwendig erachten. Diese Zerwürfnisse sind ungesund für beide Seiten und können, wenn überhaupt, nur durch größtmögliche Ehrlichkeit überwunden werden.
Die Gefahr bei den Versöhnungsversuchen ist allerdings, dass die Identität einer Beratungsfirma oder eines Netzwerks so ausgeweitet wird, dass alle darin Platz haben. Die Identität wird dann erfahrungsgemäß nichtssagend und auswechselbar, womit die Organisation ihre Mitte verliert und die Marke ihren Wert.
Wenn wir Gesellschaften und Organisationen ein geistiges Eigenleben zugestehen, wie es ganzheitliche Berater gerne tun, und wie es auch in der Soziologie angedacht wird[9], dann ist die Entwicklung der eigenen Bewusstseinsfähigkeit hilfreich oder sogar notwendig, um mit diesen Eigenwesen interagieren zu lernen.
Abschließend versuche ich exemplarisch am „Wesen einer Gruppe“ zu veranschaulichen, was ich selbst durch einen geistigen Schulungsweg gelernt zu haben meine. Bei der Begegnung mit dem Wesen einer spezifischen Gruppe, beispielsweise einem Managementteam, kann folgendes in meinem Bewusstsein vorgehen:
Ich habe erkannt, „die Gruppe ist erzeugend erzeugt“. Das heisst, obwohl sie sich aus dem Seelenleben der Einzelmenschen aufbaut, wirkt sie auf diese Menschen erzeugend zurück. Und zwar manchmal mit unheimlicher Gewalt, wie Gustave LeBon der „Psychologie der Massen“ beschrieb. Ich versuche nun über solche allgemeinen Theorien hinaus diese spezifische Gruppe kennen zu lernen. Jede Gruppe ist anders und will anders behandelt werden. Sie hat ihre Aufgabe, ihre Kultur und ihre Epigenetik. Sie ist in ein spezifisches Umfeld eingebettet. Sie ist von Einzelpersönlichkeiten dominiert usw. Ich muss also ihre spezifische Seele erfassen, wenn ich etwas für sie tun will.
Der Schritt, mit dem „erzeugend erzeugten Eigenleben“ in Berührung zu kommen, verlangt geistige Fähigkeiten, die durch einen Schulungsweg erworben werden können. „Gedankenkonzentration, Gleichmut, Willenskraft, Positivität und Unbefangenheit“ nennt etwa Rudolf Steiner die fünf Grundfähigkeiten, die jeder Mensch verstärken muss, wenn er einen Schulungsweg geht.[10]
Solche Fähigkeiten verhelfen mir dazu, ein unauffälliges Momentum im eigenen Bewusstseinsraum überhaupt zu bemerken. Etwa eine Spannung, ein Unwohlsein, ein Aufleuchten von Begeisterung usw. Die Schulung hilft mir, solche inneren Ereignisse länger sein zu lassen, den geistigen Blick länger darauf ruhen zu lassen.
Ermutigt dazu bin ich durch „das Prinzip aller Prinzipien“ des Phänomenologen Edmund Husserl, das „jedem Ereignis im Bewusstseinsraum zunächst die selbe Rechtsgültigkeit“ zuspricht. Ob dieses Momentum nichts oder viel hergibt, muss sich erst zeigen. Es von vorneherein abzuweisen, weil es „nur subjektiv“ sei, wäre nach Husserl ein Vorurteil, das „eingeklammert“ werden muss. (siehe nächste Fußnote)
Ich kann das Momentum oder Ereignis durch die Schulung klarer, tiefer, umfassender „sehen“, eventuell mit der Anmutung von Gestaltkriterien, wie Farbe, Form, Bewegung usw. Die durch wiederholtes Üben verstärkten Bewusstseins-Kapazitäten verhelfen mir auch dazu, ein Geflecht von Wirkungsbeziehungen um das Momentum herum zu entdecken. Auch dieses Geflecht in seinen Verzweigungen und Tiefen kann ich länger, intensiver, klarer sehen.
Eventuell kann ich durch längeres „Draufbleiben“ zu Gestalt-Anmutungen kommen, die auch eine „Schau“ genannt werden könnten. Farben, Formen, Bewegungen usw. Exakterweise handelt es sich nach Steiner dabei um die Stufe der Imagination, die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis. Also einer Erkenntnis, die nicht allein über die physischen Sinne vermittelt ist, sondern die die Ereignisse im eigenen Bewusstseinsraum ebenfalls immer plastischer wahrnimmt. Der eigene Bewusstseinsraum ist allerdings nicht von seinen Objekten getrennt. Insofern erlebe ich nicht nur in meinem Bewusstseinsraum, sondern zugleich in der Welt. Und ich gewinne relevante Erkenntnisse über sie, die dem Verstand verborgen bleiben.
Die Erkenntnisreihe oder das innere Erfahrungspanorama kann dazu führen, allgemein etwas über das Wesen der Gruppe zu erfahren, das ich bisher in der Theorie noch nicht vorgefunden hatte. So lassen sich neue, originäre Hypothesen gewinnen, die in den allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs eingebracht werden können.
Oder zumindest kann ich etwas wichtiges über diese Gruppe in dieser Situation erfahren. Es leuchten Erkenntnisse auf, die ich besser als Hypothesen bezeichnen möchte. Die Ergebnisse eines schauenden Bewusstseins sind wohl mindestens so fehlerhaft und fragwürdig, wie die äußeren. Sie können aber (gemäß Edmund Husserl) ebenfalls weiter geprüft und untersucht werden. Und sie sprechen sich mir gegenüber im inneren Erfahrungsraum aus. Dieses innere Erfahren könnte etwas pathetisch auch „Eingebung“ genannt werden, oder in der exakten Sprache Rudolf Steiners „Inspiration“, die uns nicht nur etwas „schauen“ lässt, sondern auch „verstehen“.
Die Erfahrung eines solchen Momentums kann und wird in den meisten Fällen auch zu Handlungsimpulsen führen: Zunächst das Momentum annehmen, einfach nur, weil es „ist“, ohne gleich in die konventionellen oder angelernten Urteils- oder Handlungsreflexe zu verfallen. Und auch nicht auf mitgebrachte Konzepte, Methoden oder vorgefasste Pläne auszuweichen. Diese müssen „eingklammert“ oder „suspendiert“ werden. Sonst ginge zwar der Prozess geordnet weiter und ich würde kompetent erscheinen, aber der Prozess würde sich von der Wirklichkeit entfernen.
Viele Beratungsprozesse sind rückblickend zwar nicht verunfallt, ja vielleicht erscheinen sie sogar geordnet und logisch. Aber sie haben wenig Impakt auf die Wirklichkeit, weil sie diese unterwegs aufgegeben hatten, zugunsten eines Planes.
Die Unsicherheit ist in einem gelungenen Prozess unser ständiger Begleiter. Oder positiv formuliert, die Unsicherheiten halten uns auf Trab und fordern unsere schöpferische Intelligenz heraus.
In solchen Momenten der Unsicherheit ist es wichtig, die eigene Ratlosigkeit oder das eigene Nichtwissen im Hintergrund der Bewusstseinsereignisse zu sehen und sein zu lassen. Vielleicht kann ich auch Ansätze zu Gelassenheit und Vertrauen auffinden und stärker leben lassen. Denn es zeigt sich ja nur, was ist.
Im schlimmsten Fall kann ich gar nichts tun. Na und? Dann bitte ich halt die anderen um Hilfe. Vielleicht wissen sie etwas. Ich muss ja hier nicht den Kompetenten spielen. Wir können auch mit einer Frage auseinandergehen und mit dieser eine Zeit lang leben. Ich darf und muss immer wieder ratlos sein, sonst bin ich nicht mehr Ich, sondern eine Persona oder Maske, die Theater spielt.
Bestenfalls komme ich aber auch zu eigenen Handlungsimpulsen, Vorschlägen, Ideen usw. Es leuchten Motivationen im eigenen Bewusstseinsraum auf, die gestaltende Eingriffe in das Gruppengeschehen nahelegen. Diese Willensimpulse können auch nochmals suspendiert werden, um sie reiflich zu prüfen, ob sie nicht unbedacht oder aus Egozentrik erfolgen. Oder freudig und spontan die Handlung geschehen lassen, weil das Vertrauen und die Lust da ist. Eine wache Gruppe wird mich immer korrigieren, wenn ich vorschnell bin und daneben liege. [11]
Dadurch gewinnt der Berater oder die Beraterin neue, individuelle und schöpferische Handlungsmöglichkeiten und muss nicht auf allgemeine Konzepte zurückgreifen, die ja der Einzelsituation nie wirklich gerecht werden.
Im letzten Schritt handelt es sich übrigens nach Steiner um die echten „Intuitionen“, die auf der Willensebene eintreten: Ich weiss jetzt, was ich will, was der Sache dient. Während die vorausgehenden Ereignisse auf der Denkebene (Imaginationen) und auf der Ebene des Fühlens (Inspirationen) eintraten.
Der Beratungsprozess, der sich auf solche eigene Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Intuitionen verlässt, kann weit mehr und tiefer mit der Wirklichkeit in Berührung kommen, als etwa ein im vorhinein geplanter Prozess. Oder als geplante Prozesse überhaupt. Letztere sind künstlich und werden von der künstlichen Intelligenz noch zur Gänze übernommen werden. Die schöpferische Entwicklungsberatung aber nicht.
Kurzum, Entwicklungsberatung baut auf die geistigen und schöpferischen Fähigkeiten des Beraters auf und nicht auf Pläne, Konzepte und Methoden. Was heißt das für eine Ausbildung? Was heisst es für den eigenen weiteren Lernprozess als Beraterin oder Berater? Bin ich bereit, einen geistigen Schulungsweg zu gehen, der mich tiefer befähigt? Das sind die fruchtbaren Fragen. Ich werde deshalb meine Anstrengungen zum gemeinsamen Lernen emergenter oder schöpferischer Beratungsprozesse wieder verstärken, aber nur für Menschen, die dezidiert einen Schulungsweg gehen wollen.
[1] Bernard Lievegoed, „Soziale Gestaltung am Beispiel Heilpädagogischer Einrichtungen“ 1970. „Organisationen im Wandel“ 1974. „Dynamische Unternehmensentwicklung“ 1993, mit Friedrich Glasl.
[2] Friedrich J.W. Schelling, Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie“ 1799. Max Scheler, „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ 1928
[3] Johann Wolfgang von Goethe, „Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ 1790. Siehe auch Gesamtausgabe, „Naturwissenschaftliche Schriften“.
[4] Werner Heisenberg, „Die Goethesche und die Newtonsche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik“ (1941).
[5] Anton Webern, „Der Weg zur neuen Musik“ 1933 (1960). Auch der Dichter Gottfried Benn hat Goethes Naturwissenschaft in ihrem Wert erkannt und einen geistreichen Essay dazu verfasst: Gottfried Benn, „Goethe und die Naturwissenschaften“ 1949.
[6] Rudolf Steiner „Goethes Weltanschauung“ 1879.
[7] Rudolf Steiner, „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ 1910. „Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen betasten kann. Der Zuhörer darf sich in jedem Augenblicke sagen: wovon dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich gewisse Kräfte in mir entwickele, die heute noch in mir schlummern.“
[8] Wobei es gerade mit Systemikern wie Gunther Schmidt oder Insa Sparer und Matthias Varga von Kibed seitens einiger Trigon Berater langjährige fruchtbare Kooperationen gibt, die eine Integration von systemischen und geisteswissenschaftlichen Ansätzen vorangetrieben haben. Vgl. etwa die Werke meiner Kollegen aus der Trigon-Zeit Trude Kalcher, Hannes Piber, Fritz Glasl u.a. „Professionelle Prozessberatung“ (2005) 2020. Oder Oliver Martin und Julia Andersch, „Landkarten der Transformation“ 2023. Diese Bücher gehören neben den Werken von Lievegoed, Lex Bos und Friedrich Glasl, zum besten, was aus der „systemisch-evolutionären“ Richtung im deutschen Sprachraum an Methodenwissen zur OE vorgelegt wurde.
[9] Der Soziologe Emile Durkheim hat bezogen auf Gesellschaften beispielsweise von einem „kollektiven Bewusstsein“ gesprochen, das ein Eigenleben führt. („Über soziale Arbeitsteilung“ 1893).
[10] Nebenübungen Rudolf Steiners: https://anthrowiki.at/Neben%C3%BCbungen
[11] Ich habe mich hier der Methode des „stream of consciousness“ des Psychologen William James bedient (oder des Literaten James Joyce). Begriffe wie „Momentum“ oder „Bewusstseinsraum“ sind durch die phänomenologische Methodik der Wesensschau und des Einklammerns nach Edmund Husserl inspiriert. William James, „Die Prinzipien der Psychologie“ Bd.1 1890. Edmund Husserl „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“ 1913.









