Aufgaben und Menschen, die zwei Säulen des Führens (WK 2)

In „Was ist Führung (WK 1)“ habe ich eine Begriffsbestimmung gegeben, die die beiden wesentlichen Bestandteile der meisten Definitionen enthält: Die soziale Dimension und die Aufgaben. An diesen beiden knüpft auch der folgende Beitrag an. Damit ist der rote Faden aufgenommen:

In nahezu allen Führungstheorien spielen die beiden Begriffe Aufgaben und Menschen eine zentrale Rolle. Sie sind die beiden tragenden Säulen des Führens, symbolisch ausgedrückt.

Die Aufgabe ist das erste zentrale Prinzip, das uns Führung verständlich macht. Jeder Mensch, der in einer Organisation mitarbeitet, ist gegenüber der Aufgabe der Organisation verpflichtet. Sie ist der Existenzgrund einer Organisation, ihr Zweck, ihre Mission oder schlicht ihre Aufgabe. Wer zugunsten der Aufgabe Einfluss nimmt, handelt also nicht eigenmächtig, sondern aus einer grundlegenden Verpflichtung heraus. 

Wird die Aufgabe an einer Stelle nicht gut genug erfüllt, so sind Menschen berechtigt Einfluss zu nehmen. Führungskräfte sind darüber hinaus durch ihre Funktion dazu verpflichtet. Die Mitglieder einer Organisation nehmen es Führungskräften übel, wenn sie Fehlerquellen und Schwachstellen nicht beseitigen und auch, wenn sie neue Ideen und Chancen nicht ergreifen.

Das zweite nicht minder wichtige Prinzip sind die Menschen. Führung vollzieht sich immer zwischen Menschen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind der Ort des Führens, weshalb Menschen oder Beziehungen die zweite Säule der Führung darstellen. So wie die Aufgabe zur Einflussnahme verpflichtet, so werden Führungskräfte auch durch die menschliche Dimension verpflichtet, allerdings nun zu etwas ganz anderem, das dem Menschen an sich zusteht, nämlich zur Achtung seiner Würde. Die zweite Säule des Führens verlangt Respekt, Wertschätzung, Achtung der Menschenwürde von uns. Überall, wo gegen dieses Prinzip verstoßen wird, gibt es unerwünschte und nachteilige Folgen auch für die Organisation.

Es gibt keinen dritten Begriff, der so wesentlich für das Verständnis von Führung wäre, wie die beiden Begriffe Aufgaben und Menschen.* Das ist wohl auch der Grund dafür, dass praktisch alle grundlegenden Führungslehren sich dieser beiden Begriffe bedienten, wenn auch manchmal mit unterschiedlichen Worten bezeichnet.

Aufgaben und Menschen sind also die beiden Prinzipien, an denen wir uns beim Führen orientieren können. Im folgenden wird untersucht, welches Verhalten den beiden Prinzipien gerecht wird und zu welchem unser Charakter eher neigt. Dann wird ein einfaches Modell von Führungsstilen auf Basis dieser beiden Prinzipien skizziert, welches dabei helfen soll uns selbst und andere Menschen intuitiv einzuordnen. 

Desweiteren werde ich eine normative Hypothese dazu vorstellen, welche Führungskultur unserer gesellschaftlichen Verfasstheit heute angemessen ist. Damit schere ich aus dem relativistischen Chor der letzten 50 Jahre aus, der nur ein Lied kannte: „Es gäbe nicht den einen richtigen Führungsstil, sondern dieser müsse je nach Situation gewählt werden.“ Auch diese – wissenschaftlich übrigens sehr bezweifelte – Theorie muss ich noch differenziert betrachten, um einerseits ihren begrenzten Nutzen zu würdigen und andererseits die Verwirrung zu vermeiden, die ihre unzulässige Verallgemeinerung seit Jahrzehnten stiftet.

Anmerkungen:

  • Am überzeugendsten noch W.J. Reddins Versuch die „Effektivität“ als dritte Dimension neben Aufgaben und Menschen zu stellen. Doch ist es wesentlich einfacher, eine Theorie zu erweitern als sie zu reduzieren. Letzteres verlangt die konsequente Entscheidung für das Wesentliche. Außerdem: Je einfacher eine Theorie ist, umso „schöner und eleganter“ ist sie“ (© Anton Zeilinger).

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Herbert Salzmann

Geb. 1959 in Vorarlberg, Lehre als Vermessungstechniker, 7 Jahre Techniker, daneben Abendgymnasium. Geistes- und sozialwissenschaftliche Studien in Innsbruck und Freiburg. Ab 1990 Ausbildung in Organisationsentwicklung und Managementtraining durch Jack F.Moens / NPI Holland. Selbständige Beratungserfahrung seit 1990, von 2012 -2024 Gesellschafter der Trigon Entwicklungsberatung. Diverse Weiterbildungen in OE, Coaching und Wirtschaftsmediation. Lehraufträge an der Universität Innsbruck. Arbeitsschwerpunkte: Führungsseminare, Führungscoaching und Transformation von Führungskulturen. Organisationsentwicklung und Begleitung von Lernenden Organisationen. Diverse Veröffentlichungen und Vorträge.