Karl Poppers Kritischer Rationalismus in Wissenschaft und Politik

Der kritische Rationalismus ist zunächst keine abgegrenzte Lehre, sondern eine Haltung. Die Haltung, dass wir durch Kritik der Wahrheit näher kommen können. Wir finden sie in der gesamten Geschichte, etwa bei Sokrates, bei den Skeptikern, den Humanisten und natürlich bei den Aufklärern. Karl Popper (1902-1994) beschreibt sie so:

„…vielleicht habe ich unrecht, und du hast recht, jedenfalls können wir beide hoffen, nach unserer Diskussion etwas klarer zu sehen als vorher, und jedenfalls können wir beide voneinander lernen, solange wir nur nicht vergessen, dass es nicht so sehr darauf ankommt, wer recht behält, als vielmehr darauf, der Wahrheit näherzukommen. Nur zu diesem Zweck verteidigen wir uns in einer Diskussion so gut, wie wir eben können.“ („Alles Leben ist Problemlösen“ 161. – Empfehlung zum Einstieg)

Der klassische Rationalismus geht davon aus, dass das Denken der Wahrnehmung immer schon voraus geht. Dass also in jeder Wahrnehmung schon Denken drinsteckt. Als Beispiel kann vielleicht der tägliche Sonnenaufgang dienen. Die Wahrnehmung scheint klar zu sein und man bemerkt gar nicht, dass das Denken schon drinsteckt. Aber man kann die Sache auch anders denken und damit anders „sehen“: die Erde dreht sich vor der Sonne hinab.

Diese Durchdringung unserer Wahrnehmungswelt mit vorbewussten und vielfach fehlerhaften Annahmen soll durch Vernunftgebrauch aufgeklärt und richtiggestellt werden. Dabei müssen wir uns gegenseitig durch das kritische Gespräch helfen, die Irrtümer und Lücken in unserer Erkenntnis und in unseren Entscheidungen zu beseitigen.

Auf die metaphysischen Letztbegründungen des Rationalismus verzichtet der kritische Rationalismus weitgehend. Er geht vom Gegebenen aus und gibt sich mit schrittweisen Verbesserungen zufrieden. Das gilt für unser Erkennen, also die Wissenschaft, und es gilt für unser Handeln, also die Moral und die Politik.

„Wahrheit“ ist einer der zentralen Begriffe des kritischen Rationalismus. Von der Wahrheit meinen heute ja viele zu wissen, dass es sie nicht gäbe. Aber sie halten ihren Satz „die Wahrheit gibt es nicht“ doch auch für wahr. Irgendwie scheint es die Wahrheit dann doch zu geben.

Es mag zwar kein abgegrenztes Objekt geben, das man als „die Wahrheit“ bezeichnen kann, das heisst aber nicht, dass keine Wahrheit sei. Allerdings müssen wir in der Wissenschaft vorsichtig mit der Behauptung sein, dass wir die Wahrheit gefunden haben. Denn letztlich bleibt alles nur Vermutung, wie Karl Popper sagt.

Anstelle also letztgültig die Wahrheit in Besitz zu nehmen, oder dem Menschen die Wahrheitsfähigkeit abzusprechen, erinnert uns der kritische Rationalismus an eine Unterscheidung, die wir schon bei Lessing finden, dass nämlich Wahrheitssuche geboten ist, aber Wahrheitsbesitz zu meiden.

Die Wahrheit IST also, indem sie unser Denken reguliert, ohne selbst als abgegrenztes Objekt zu erscheinen. „Der Wahrheitssucher ist in fast derselben Lage wie ein Segler, der … genau nach Süden will. Er muss seine Richtung dauernd korrigieren und sie weicht fast immer vom Südpunkt ab. Aber der Südpunkt ist absolut – auch wenn der Kurs nur selten ganz richtig ist und oft genug … abweicht. Genauso geht es uns mit der Fehlerkorrektur in unserer Suche nach der Wahrheit.“

Mit dieser Unterscheidung von Wahrheitssuche und Wahrheitsbesitz kam die wissenschaftliche Welt in große Schwierigkeiten. So schreibt 1967 die Encyclopedia of Philosophy zu seiner Verwunderung über Karl Popper, dass für ihn „die Wahrheit selbst nur eine Illusion“ sei. Er selbst hingegen sagt ganz deutlich: „Die Wahrheit ist objektiv und absolut…Aber wir können niemals ganz sicher sein, dass wir die Wahrheit, die wir suchen, gefunden haben.“ [1]

„Ich erkannte, dass die Suche nach Rechtfertigung aufgegeben werden muss, nach Rechtfertigung des Wahrheitsanspruches einer Theorie. Alle Theorien sind Hypothesen; alle können umgestoßen werden.

Auf der anderen Seite war ich weit davon entfernt vorzuschlagen, die Suche nach Wahrheit aufzugeben: Unsere kritischen Diskussionen der Theorien sind von dem Gedanken beherrscht, eine wahre (und leistungsfähige) erklärende Theorie zu finden; und wir rechtfertigen unsere Bevorzugung durch Berufung auf die Idee der Wahrheit: sie spielt die Rolle einer regulativen Idee. Wir prüfen auf Wahrheit, indem wir das Falsche ausscheiden.“ (Objektive Erkenntnis, „Vermutungswissen“ 1967)

Der wissenschaftliche Fortschritt wird also durch zwei Prozesse erreicht, durch „kühne Vermutungen und (durch) erfinderische und ernsthafte Versuche, sie zu widerlegen.“ (O.E.). Die Hypothesen sollen durchaus „mutig“ und „phantasievoll“ sein, um Poppers Worte zu verwenden, allerdings müssen sie so formuliert sein, dass sie überprüfbar und widerlegbar sind.

Wenn wir also in der Zeitung lesen, dass Innsbruck im Jahre 2070 mit 37 anstatt 12 Hitzetagen pro Jahr zu rechnen habe, wenn die Klimamaßnahmen scheitern[2], so ist diese These noch nicht überprüfbar formuliert. Im Sinne des kritischen Rationalismus handelte es sich dabei um keine wissenschaftliche Aussage, wenn sie nicht zusätzlich so heruntergebrochen wird, dass sie empirisch widerlegbar wird.

Positive Belege lassen sich für jede Hypothese finden. Was aber nicht heisst, dass die Hypothese nicht zugleich auch Irrtümer enthält, mitunter schwerwiegende. Deshalb meint der kritische Rationalismus, dass sogenannte Beweise für eine Theorie keinen wissenschaftlichen Wert haben. Widerlegungen hingegen schon.

Das ist also die sogenannte Falsifikationstheorie des kritischen Rationalismus. Popper illustriert sie am Beispiel des schwarzen Schwanes. Wenn ich sage, alle Schwäne sind weiss, so werde ich wohl einige oder gar sehr, sehr viele Belege dafür finden. Das heisst aber nicht, dass es keinen schwarzen Schwan gibt. Finde ich nur einen schwarzen, so ist die Theorie widerlegt.

Als positives Beispiel führt Popper die Widerlegung einiger Teile von Newtons Gravitationstheorie durch Einstein an, die davor über 200 Jahre für unumstößlich wahr gehalten wurden. Einstein selbst hingegen hat seine auf Newton aufbauende aber weiter fortgeschrittene Relativitätstheorie immer als eine Theorie bezeichnet. Als eine Hypothese, mit deren Widerlegung er selbst auch zu Lebzeiten noch rechnete und an deren Widerlegung er höchstes Interesse hatte. Hätte 1919 bei einer Sonnenfinsternis der empirische Beweis erbracht werden können, dass das Sternenlicht doch nicht von der Masse der Sonne abgelenkt wird, so hätte Einstein seine Theorie zurückgezogen. Aber sie hielt dieser empirischen Überprüfung stand und ist jetzt als wissenschaftliche Hypothese zu bezeichnen, die noch nicht widerlegt wurde und die sich in einem Widerlegungsversuch „bewährt“ hat. Dahinter hören wir Darwins Idee der natürlichen Auslese durch: Die besten Ideen überleben deren Widerlegungsversuche.

Von bewiesenen Wahrheiten kann in der Wissenschaft deshalb keine Rede sein, sondern nur von Theorien, die sich in Widerlegungsversuchen „bewährt“ haben, die sich dem harten Daseinskampf ums Überleben ausgesetzt haben. Dies ist für Popper das bessere Abgrenzungskriterium gegenüber Pseudowissenschaft und Metaphysik, als die seit Francis Bacon übliche empirische Verifikation.[3]

Eine Wissenschaft, die sich nicht diesem strengen Kriterium unterwirft, konnte und kann für alle möglichen Interessen missbraucht werden. Es darf vermutet werden, dass dies beim größeren Teil aller Forschungen immer noch der Fall ist.

Damit habe ich schon die Brücke vom wissenschaftlichen zum politischen Feld geschlagen. Die Idee der Offenen Gesellschaft beruht nicht auf der Auswahl der besten Regierenden, sondern auf deren gewaltfreien Abwählbarkeit – analog zur Falsifikation von Hypothesen. Die Politik entwickelt ebenso Hypothesen, diesmal aber solche, die das Handeln betreffen. Und diese Hypothesen müssen sich der Kritik durch unabhängige Institutionen stellen. Deshalb ist die Gewaltenteilung so wichtig für eine Demokratie.

Zu diesen Institutionen gehört neben dem Parlament der ganze geistige Bereich einer Gesellschaft, also Wissenschaft, Kultur und Medien und insbesondere unabhängige Gerichte. Der Sinn des Verfassungsgerichtshofes ist ja der Schutz der Menschen vor Übergriffen durch ihre Regierung, weshalb hier größte Unabhängigkeit zu herrschen hätte. Denn die Tendenz ihre Macht immer weiter auszudehnen, möglicherweise bis hin zur totalitären Herrschaft, liegt durchaus im Wesen jeder Regierung.

Also nicht die Auswahl der Besten sorgt für eine gute Regierung, sondern deren kritische Überwachung und Korrektur durch unabhängige Institutionen. Die Methodik zum Aufrechterhalten einer offenen Gesellschaft liegt deshalb darin, dass wir die Mechanismen von Kritik und Verbesserung ständig lebendig halten und noch weiter ausbauen.

Zur Verteidigung der offenen Gesellschaft genügt es nicht, sich über Orban oder die AfD aufzuregen. Solche stereotypen Feindbilder werden heute auch benutzt, um nicht über die eigenen Fehler und inneren Unstimmigkeiten sprechen zu müssen und seine Projektionen irgendwo abladen zu können.

Eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen müsste in einer offenen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein. Dasselbe gilt für die Folgen der energiepolitischen Entscheidungen der letzten Jahre, für die Folgen der Migrationspolitik und auch für die Folgen der Russlandsanktionen.

Jedes Hinwegducken unter solche kritischen Lernprozesse schwächt die Offene Gesellschaft und riskiert einen Rückschritt in eine vordemokratische Herrschaftskultur, zu der wir Menschen durchaus unbewusste Neigungen haben.

Unabhängige Institutionen, Meinungspluralismus und ein herrschaftsfreier Diskurs sind die Grundpfeiler der Offenen Gesellschaft. Wenn Medien, Wissenschaft und Gerichte unter den Einfluss der Regierungen geraten, ist die Gesellschaft ernsthaft bedroht. Die fallweise Weisungsgebundenheit und die politische Besetzung von Gerichten sind deshalb eine große Gefahr. Ebenso Medien, auf die Regierungen direkt Einfluss nehmen, oder indirekt durch Subventionen. Und als drittes ist die universitäre Forschung in der EU zunehmend in die Abhängigkeit von Drittmitteln getrieben worden, und ist damit zur interessensgeleiteten Forschung genötigt, während die kritische Forschung und die Grundlagenforschung immer mehr erodieren.

Die Offene Gesellschaft baut zwar auf Demokratie auf, geht aber über diese hinaus. Die Demokratie garantiert noch keine offene Gesellschaft, weil auch sie ins Totalitäre kippen kann, indem sie die Unabhängigkeit der korrigierenden Institutionen untergräbt und immer mehr eine „Tyrannei der Mehrheit“ ausübt (Toqueville).

Die Mehrheiten wurden schon immer durch Heilsversprechen (Utopien) der Mächtigen manipuliert, heute vielleicht mehr durch Unheilsversprechen (Dystopien). Karl Popper hat eindringlich vor dieser Gefahr gewarnt:

„Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben.“ (EdH) „Arbeite lieber für die Beseitigung von konkreten Mißständen als für die Verwirklichung abstrakter ldeaIe.Das Elend ist konkret, die Utopie abstrakt.Keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Ideals, das vielleicht nie erreicht wird.Der Zauber und der Reiz, den die Zukunft auf den Utopismus ausübt, hat nichts mit rationaler Voraussicht zu tun.“  („Über Utopie und Gewalt“ in „Vermutungen und Widerlegungen)

 „Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben. Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen, Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen und Mißstände abzustellen; immer eingedenk der unvermeidbaren ungewollten Folgen unseres Eingreifens, die wir nie ganz voraussehen können…“ (Das Elend des Historizismus, Tübingen (Mohr/ Siebeck) 1979, S. VIII.)

Die vielfältigen Implikationen und der Nutzen für die Organisationsentwicklung werde ich folgen lassen, falls ich Lust und Zeit habe.

Literaturempfehlung:

  • Karl Popper „Alles Leben ist Problemlösung“ (Einsteiger).
  • Karl Popper „Vermutungen und Widerlegungen“ (Fortgeschrittene)

[1] (Objektive Erkenntnis, darin „Vermutungswissen“, 1984 4.Auflage. vgl. auch Fußnote)

[2] „Innsbruck wird Hitzepol Österreichs“ „Was ein Scheitern des Klimaschutzes für Österreich bedeuten würde, zeigen Modellrechnungen des Climamap-Projekts….“ Tiroler Tageszeitung am 14.12.23

[3] vgl. z.B. „Ausgangspunkte – meine intellektuelle Entwicklung“ 108

Das Totalitäre und das Liberale zwischen Links und Rechts

1. Liberalimus
Die neuzeitliche Idee einer menschlichen Gesellschaft ist untrennbar mit der Idee des „freien Menschen“ verbunden. Dieser vor-ideologische Begriff des Liberalismus sollte unterschieden werden von einem späteren und auch heute verbreiteten Begriff von Liberalismus im ideologischen Sinne, etwa dem Wirtschaftsliberalismus oder dem Neoliberalismus.

Die Wurzeln des Liberalismus liegen – ich zitiere Wikipedia – „in der Aufklärung, etwa ab 1650. Im Zentrum des Liberalismus als Grundposition der politischen Philosophie steht das Individuum. Die individuelle Freiheit der Person ist nach liberaler Überzeugung die Grundnorm einer jeden menschlichen Gesellschaft, auf die hin der Staat seine politische wie wirtschaftliche Ordnung ausrichten sollte.“ (Wikipedia „Liberalismus“ abgerufen am 25.11.22)

…und weiter „Neben dem Konservatismus und dem Sozialismus wird er zu den drei großen politischen Ideologien bzw. Weltanschauungen gezählt, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in Europa herausgebildet haben.“

Sozialismus – Liberalismus – Konservativismus

Nochmals Wikipedia: „Bis in die Gegenwart betrachten sich auch Vertreter von nicht explizit liberalen Parteien als Liberale im Sinne der aufklärerischen Definition des Liberalismus.“ Es gibt also im Sinne einer aufklärerischen, vor-ideologischen Definition von Liberalismus auch konservative und sozialistische Liberale. Deshalb erlaube ich mir die drei politischen Weltanschauungen wie folgt anzuordnen:

Liberalismus

Sozialismus (Links) – Konservativismus (Rechts)


2. Wertequadrat
Nun möchte ich anhand eines „Wertequadrates“ den Begriff des Totalitären in diese Ordnung einfügen, zu dem der aufklärerische Begriff des Liberalismus auch laut Wikipedia „im Gegensatz steht“. Das Wertequadrat ist ein Modell zur Ordnung von Grundwerten, das von dem Kommunikationspsychologen Schulz von Thun bekannt gemacht wurde. Es geht auf die Ethik des Philosophen Nicolai Hartmann zurück und letztlich auf die Lehre des rechten Maßes von Aristoteles.

Um den Daseinsforderungen zu entsprechen, so Schulz von Thun „kann jeder Wert“ (Tugend, Leitprinzip, Stärke, Persönlichkeitsmerkmal) „nur dann zu einer konstruktiven Wirkung gelangen, wenn er sich in einer ausgehaltenen Spannung zu einem positiven Gegenwert befindet („Schwestertugend“).“ (Schulz v. Thun, Miteinander Reden, Bd. II, S.38) Hier ein Wertequadrat aus dem Bereich der Mitarbeiterführung zur Veranschaulichung:


Wenn ein Mitarbeiter selbständig arbeitet, so ist dies wünschenswert, kann aber mit der Gefahr verbunden sein, dass dieser Mitarbeiter sich mit der Einordnung in ein Team schwer tut. So ist es mit jeder Tugend, sie ist immer auch mit einer Schattenseite verbunden. Also auch die Teamfähigkeit, die als Schatten die potentielle Unselbständigkeit hat. Um eine Tugend zur Wirksamkeit zu bringen, sollte sie deshalb immer auch in einer „gehaltenen Spannung zu einer Schwestertugend“ stehen. Wer selbständig ist, muss auch lernen, sich in ein Team gut einzufügen. Wer teamfähig ist, sollte immer auch ein gewisses Maß an Selbständigkeit dazu erwerben.

3. Links und Rechts
Nun zurück zur Polarität zwischen links und rechts. Links steht gesellschaftlich für Solidarität und Gerechtigkeit, rechts steht für Eigenverantwortung und die Möglichkeit der Eigeninitiative. Das ist der Wertekern der beiden wichtigsten politischen Weltanschauungen, so meine Hypothese.

Links: Solidarität / Gerechtigkeit —- Rechts: Selbstverantwortung / Eigeninitiative

In diesem Sinne konkurrieren die beiden politischen Ideologien durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Der aristotelischen Lehre des rechten Maße folgend dürfte es kein Zufall sein, dass unsere Demokratien immer zwischen diesen beiden Weltanschauungen ausbalanciert wurden. Dahinter steckt eben die Annahme, dass linke Politik dann förderlich ist, wenn zugleich auch der Wertekern der rechten in einem gewissen Maße respektiert wird, und umgekehrt.

Weil beide Tugenden wichtig für eine Gesellschaft sind und nicht nur eine, ist eine mäßigende Perspektive des sowohl-als auch richtiger als ein entweder–oder. So arbeiteten Konservative und Sozialisten in unseren Demokratien über Jahrzehnte immer wieder auch gut gegeneinander und zugleich miteinander.

Gefährlich wird es immer dann, wenn das notwendige Gegenüber aus dem Spiel gedrängt wird, und dadurch die Übertreibung eines Wertes wirksam wird, als seine Schattenseite. Gilt nämlich nur noch Solidarität und Gerechtigkeit, ohne die Selbstverantwortung und Eigeninitiative zu achten, so droht eine kollektivistische Diktatur als linke Form des Totalitarismus. Und wird die Selbstverantwortung und die Eigeninitiative so idealisiert, dass in darwinistischer Manier nur noch das Recht des Stärkeren gilt, so werden die sozial Benachteiligten ausgebeutet und diskriminiert, was den rechten Formen des Totalitarismus entspricht.


Beiden Totalitarismen entgegengesetzt ist der Liberalismus im aufklärerischen Sinne, indem er die Freiheit des Individuums gegenüber dem Despotismus bevorzugter Gruppen fordert. Also wendet sich der aufklärerische Liberalismus z.B. gegen die uneingeschränkte Herrschaft der traditionell oder finanziell Mächtigen einerseits, und zugleich gegen eine staatliche Bevormundung oder Entmündigung andererseits.



Anders formuliert, wir können uns einen aufgeklärt-liberalen Sozialismus und einen aufgeklärt-liberalen Konservativismus denken und anderseits je einen totalitären. Für ein aufgeklärt-liberales Politikverständnis, egal ob links oder rechts, gilt das Prinzip, das Voltaire in den Mund gelegt wird, „dass ich zwar anderer Meinung bin als du, aber alles dafür geben würde, dass du deine Meinung sagen kannst“.

Die Meinungsfreiheit, Denkfreiheit, Redefreiheit sollte also von liberalen Demokraten höher gehalten werden als die eigene politische Ideologie, denn erstere ist die Grundidee der Demokratie schlechthin. Zwischen den beiden Ebenen sollte unterschieden werden können, erstens der ganz grundlegende Ebene der Meinungs-, Denk- und Redefreiheit jedes Menschen und andererseits der Ebene meiner politischen Meinung.

Ersteres, die grundsätzliche Ausrichtung jeder Demokratie auf die Freiheit des Individuums, ist ein hohes geistiges Prinzip, das nicht alle Menschen verstehen und emotional integrieren können. Es hat zunächst noch nichts mit einem Liberalismus im ideologischen Sinne zu tun, bzw. es ist irreführend diese beiden Liberalismen zu verwechseln, den aufgeklärten Liberalismus und den ideologischen Liberalismus.

So kann in aller Deutlichkeit gesagt werden: die Grundlage unserer Demokratie ist das Prinzip des freien Individuums. Der einzelne Mensch soll weder unter die Gewalt von Mächtigen und Despoten geraten, noch unter die Gewalt eines übermächtigen Staates.

Eine „offene Gesellschaft“, so Karl Popper, ist nur möglich, wenn die Mächtigen gewaltfrei abberufen werden können. Es gehört zu den grundlegendsten Aufgaben des Staates, die Freiheit des Individuums zu gewährleisten, sodass weder einzelne Mächtige, noch der Staat, den Einzelnen in seinem genuinen Menschenrecht der Freiheit und Würde diskriminieren kann. Das genau ist auch der Sinn der Verfassung, nämlich den Einzelnen vor einer Regierung zu beschützen, die ihm dieses Grundrecht entweder selbst nimmt oder durch Mächtige nehmen lässt. Dazu gehört auch der Minderheitenschutz.

Ist die Regierung dazu nicht mehr in der Lage, so kann sie in einer offenen Gesellschaft gewaltfrei abberufen werden. Ist dieses gewaltfreie Abberufen nicht mehr möglich, weil die Institutionen der Kritik und der Gewaltenteilung unwirksam werden, ist ein totalitärer Zustand gefährlich nahe. Karl Popper rechnete damit, dass unsere offene westlich-europäische Gesellschaft noch einige Male in einen totalitären Zustand zurückfallen wird.

Offenbar wächst das totalitäre Potential auch in der offenen Gesellschaft ständig nach. Jede Generation droht unbewusst in totalitäre Neigungen zu verfallen. Deshalb ist es auch gefährlich den Totalitarismus auf die rassistische Ausformung des Nationalsozialismus einzuengen. Auch unsere Gegenwart ist durch unbewusste totalitäre Neigungen bedroht, so wie jede Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt.

Jede Generation muss neu lernen, dass die Freiheit des Individuums das ganz ursprüngliche und grundlegende Ziel einer offenen Gesellschaft ist, und dass dieses Ziel in jeder Epoche auf neue Art in Gefahr ist. Nicht nur in der Vergangenheit, etwa unter der Inquisition, in den Religionskriegen, im Stalinismus oder unter den Nazis. Die sozialpsychologischen Ursachen dafür wurden im 20. Jahrhundert von Erich Fromm, Hannah Arendt oder Adorno und Horkheimer gründlich aufgearbeitet. Aber dieses Wissen ist nicht in der Allgemeinbildung angekommen, oder schon wieder verloren gegangen. Denn dieses Wissen ist unbequem. Es bedroht jeden Menschen in seiner unbewussten Triebhaftigkeit, in seinen rechthaberischen Vorlieben, in seiner Anmaßung auf der richtigen Seite zu stehen und deshalb das Recht zu haben, andere zu zwingen, und sei es mittels einer demokratischen Mehrheit. Auch diese darf sich nicht über die Grund- und Freiheitsrechte des Individuums stellen.

Das obige Modell könnte heute um zwei weitere Ideologien ergänzt werden, die sich im 20. Jahrhundert herausgebildet haben. Einerseits die grün-ökologische Ideologie (eher links) und andererseits ist es der Wirtschafts- oder Neoliberalismus (eher rechts). Da beide auch Ideologien im kritischen Sinne sind, sind auch sie mit der Gefahr des Totalitarismus behaftet.

4. Ideologie
Der unbewusste Rückfall ins Totalitäre vollzieht sich über die Ideologie. Ich verwende diesen Begriff nicht allgemein und neutral, sondern im gesellschaftskritischen Sinne. Schon für Karl Marx waren Ideologien – in diesem kritischen Sinne – Instrumente, um Machtverhältnisse propagandistisch zu stabilisieren oder zu verändern. (Wikipedia „Ideologie“, FN 3)

In ähnlichem Sinne ist Ideologie auch für den Ideologie-Forscher Peter Tepe ein „durch bestimmte Wünsche, Bedürfnisse, Interessen verzerrtes, illusionäres Denken“ (Peter Tepe 2012, „Ideologie“, Ergänzungen S.19.) Und auch die beiden Autoren des Klassikers „Ideologie – Herrschaft des Vor-Urteils“ aus dem Jahre 1972, Ernst Topitsch und Kurt Salamun, halten sich an eine ähnliche Definition: Ideologien sind Gedankengebilde, „welche die Macht- und Lebensansprüche von gesellschaftlichen Gruppen legitimieren und deren Unwahrheit oder Halbwahrheit auf eine interessen- oder sozialbedingte Befangenheit ihrer Vertreter zurückzuführen ist.“ (Topitsch, Salamun 1972, S.53).

Ideologie im kritischen Sinne ist also gewissermaßen unsere seelische Neigung, die durch gesellschaftliche Bedingungen entsteht, weil wir etwa einem Kulturraum oder einem Volk anzugehören vermeinen, oder weil wir ein gewisses Geschlecht oder eine gewisse Hautfarbe haben. Aber auch, weil wir einen Bauernhof oder ein Haus erben, weil wir die Firma der Eltern übernehmen, oder weil wir Arbeiterkinder sind.

Unsere Ideologie ist ein Teil unserer Weltanschauung, und diese ist immer auch von Gewohnheit oder von der (Un-)Gnade der Geburt abhängig, so wie auch die Religion. Die Selbstverständlichkeit übrigens, mit der „rechts“ heute als böse gilt, sagt viel darüber aus, wie nahe sich Ideologie und Religion sind. Beide gründen sich auf ein Gefühl des sicheren Wahrheitsbesitzes und legitimieren aus diesem heraus ihre Überzeugungen und Taten, auch die schändlichen. Dieser sichere Wahrheitsbesitz ist der eigentliche Ausgangspunkt jeder Gewaltherrschaft, egal ob von links oder von rechts. (Karl Popper, „Die offene Gesellschaft“)

Die Religion im traditionellen Sinne spielt in Europa eine immer kleinere Rolle für die Entstehung von Ideologien. Allerdings scheint sich die Inbrunst und Gewaltneigung des religiösen Fanatismus teilweise auf das Feld der Ideologien verschoben zu haben, und insbesondere auf die Wissenschafts- und Expertengläubigkeit. Wie von Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ festgestellt, ist die Aufklärung selbst mythisiert und zum Gegenstand eines neuen Glaubens gemacht worden. Sie konstatieren 1944 eine „Rückkehr der aufgeklärten Zivilisation zur Barbarei“, indem sie sich der instrumentellen Vernunft unterwirft und damit einer neuen Autorität, an die mit ähnlicher Inbrunst geglaubt wird, wie im Mittelalter an eine Religion. Auch für Hannah Arendt „scheint das totalitäre Phänomen nur das letzte Stadium eines Prozesses anzuzeigen, in dessen Verlauf Wissenschaft zum Götzen geworden ist.“ (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft 1951, S. 733)

Plastischer als heute ist uns diese Gesellschaftsdiagnose nie vor Augen getreten, erkennbar z.B. an der Aussage „vertrauen Sie der Wissenschaft“, um nicht zu sagen „glauben Sie der Wissenschaft“, „gehorchen Sie der Wissenschaft“, oder sogar „wenn Sie das nicht tun, sind Sie Wissenschaftsleugner“. Ist damit nicht schon die Grenze zur Verketzerung von Kritikern überschritten?. Von Leugner kann eigentlich nur jemand sprechen, der sich im sicheren Wahrheitsbesitz fühlt, zumindest in emotionalen Momenten.

Ideologien werden zwar rational gerechtfertigt, doch wenn wir ehrlich sind, sind sie mehr seelischen und weniger rationalen Ursprungs. Ideologien sind die Folge gesellschaftlicher Bedingungen und entspringen mehr dem halb- oder unbewussten Seelenleben als dem rationalen Geist. Auf dieser ideologischen Ebene zumindest hatte Karl Marx wohl recht: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ (Karl Marx, „Kritik der politischen Ökonomie“, Vorwort)

Adorno und Horkheimer meinten zudem, dass die „totalitäre Maschinerie“ reibungsloser funktioniere als die liberal-demokratische. Auch deshalb sei ein Rückfall unserer Gesellschaften ins Totalitäre leider nicht unwahrscheinlich. Das Gegenmittel wäre eine Intensivierung der Menschenbildung im Sinne von ganzheitlicher Vernunft. Also nicht nur im Sinne rationaler Vernunft und schon gar nicht im Sinne von Auswendiglernen und Anwenden unverstandener Routinen.

Ganzheitliche Vernunft umfasst auch soziale und praktische Intelligenz, welche z.B. durch das Erlernen und Ausüben eines handwerklichen Berufes gefördert wird, vielleicht mehr als in unseren zunehmend „verschulten“ Schulen. Es sind ja gerade die Bildungsinstitutionen und die Wissenschaft, die sich anfällig für die instrumentelle Vernunft zeigen. Und damit sind diese teilweise vielleicht selbst zum Werkzeug von Propaganda im Dienste eines übermächtigen Staates oder von übermächtigen Wirtschafts- und Finanzmächten geworden, weil sie zunehmend ihres Rechts auf autonome Wahrhaftigkeit beraubt wurden. An einer wirklichen und radikalen Reform unserer Medien- und Bildungslandschaft führt jedenfalls kein Weg vorbei, wenn wir der realen Gefahr einer totalitären Gesellschaft begegnen wollen, zumal sich immer mehr technische Möglichkeiten zu deren neuerlichen Verwirklichung bieten.

5. Kritischer Rationalismus und Offene Gesellschaft
Die entscheidende Frage lautet: Gibt es eine gesellschaftliche Diskursform, die nicht nur den ideologischen Neigungen ausgeliefert ist, sondern rationale Urteile und vernünftige Erkenntnis- und Entscheidungsprozesse zwischen Verschiedendenkenden und Verschiedenwollenden ermöglicht?

Und hier möchte ich noch kurz über die kritische Rationalität sprechen, die Karl Popper zunächst den Naturwissenschaften vorgeschlagen hat, und später dann der Politik in einer offenen Gesellschaft.

Der Diskurs des Kritischen Rationalismus ist wohl das am besten durchdachte und am leichtesten für jeden bemühten Menschen verstehbare Theoriemodell, das wir gegenwärtig zur Verfügung haben. Ich empfehle dazu z.B. das allgemein verständliche Buch „Alles Leben ist Problemlösen“ von Karl Popper zu lesen.

Die Grundbestandteile der kritischen Rationalität sind zweifach: Erstens dürfen und müssen wir „mutige und phantasievolle Hypothesen“ bilden, in den Worten Karl Poppers. Diese und insbesondere deren Folgen sollten allerdings logisch und empirisch überprüfbar sein, damit sie rational genannt werden können.

Und zweitens, so Popper, sollten wir eben diese Hypothesen versuchen zu widerlegen oder durch bessere zu ersetzen. Schon zu Poppers Zeiten gelang eine solche redliche Vorgangsweise in Wissenschaft und Politik bei weitem nicht durchgängig. Seine Thesen wurden weitgehend ignoriert oder es wurde nur der äußeren Form nach der Anschein erweckt, als würde man diesen folgen. Und auch heute steht es wohl nicht besser. Die Wissenschaft und die Politik sind heute bei weitem nicht so rational und redlich, wie es sich unsere wissenschaftsgläubige Gesellschaft gemeinhin vorstellt.

Man beachte beispielsweise nur, wie es um die Überprüfbarkeit von Hypothesen zu Corona, Klima oder Migration steht, die der aktuellen Politik zu Grunde gelegt werden. Die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit von Entscheidungen kann, wenn überhaupt, erst in Jahren oder Jahrzehnten festgestellt werden und dann sind die Verantwortlichen längst nicht mehr greifbar. Es scheint manchmal sogar so, als würde tunlichst vermieden Hypothesen überprüfbar zu formulieren, etwa in der Form „wenn wir dies (nicht) tun, wird dies bis dann und dann (nicht) eintreten“, wobei der Zeitpunkt nahe genug an der Gegenwart gelegen sein muss, um die Entscheider zur Verantwortung ziehen zu können.

Politik, Medien und selbst Wissenschaft scheinen immer noch bedenklich ideologisch zu agieren und weniger im Sinne kritischer Rationalität. Die Aufklärung muss an diesem Punkt als noch nicht vollzogen betrachtet werden. Es scheitert die geistige Kritik am Beharrungsvermögen der seelischen Ideologie, weil Kritik unbequem ist und einen redlichen und aufgeklärten Charakter verlangt, um rational darauf reagieren zu können. Diesen redlichen Charakter finden wir in der Politik nicht häufig, und in der Wissenschaft dürfte es ebenfalls nicht zum besten stehen, wenn wir in Betracht ziehen, welche Rolle Experten in den letzten Jahren gespielt haben und wie redlich der wissenschaftliche Ideenstreit ausgetragen wurde.

6. Zusammenfassung:
Liberalismus ist mehr ist als freier Waren- und Kapitalverkehr. Die Freiheit des Individuums ist letztlich die Voraussetzung jeder Demokratie, egal ob sie mehr rechts oder links steht.

Totalitarimus ist nicht nur das, was unsere Großeltern damals falsch gemacht hatten, sondern er schlummert oder lebt in uns selbst. Und er will und kann sich als Staatsform jederzeit wieder an die Stelle der offenen Demokratie setzen. Hier und jetzt bei uns und nicht nur in autoritären Regimen.

Links ist nicht nur gut und rechts ist nicht nur schlecht. Solche ideologischen Pauschalierungen sind letztlich nicht mehr als vorurteilshafte Parteinahmen für die eigene Art und Sorte. Diese seelische und teilweise unbewusste Parteinahme für eine Seite muss durch kritische Rationalität gemäßigt und geordnet werden.

Die rationale Kritik hat sich in unserer Gesellschaft noch nicht in dem Maße durchgesetzt, dass von einer aufgeklärten offenen Gesellschaft gesprochen werden kann. Gerade heute ist dieses Ideal wieder in großer Gefahr, weil Medien und Politik und teilweise sogar die Wissenschaft sich nicht aus ihrer ideologischen Befangenheit befreien wollen oder können. Statt von mehr oder weniger bewährten Hypothesen zu sprechen, ist es im öffentlichen Diskurs geradezu üblich geworden, sich auf unstrittig bewiesene Tatsachen „der“ Wissenschaft zu berufen. Dagegen müssten sich redliche Experten zumindest verwehren.

Trotzdem bleibt die redliche Wahrheitssuche mittels kritischer Rationalität das einzige Mittel, das uns vor den totalitären Gefahren des ideologischen Wahrheitsbesitzes bewahren kann. Unser Kultur-, Bildungs- und Medienwesen hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten in dieser Hinsicht nicht gut entwickelt. Es muss aus staatlichen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten befreit werden, damit es Aufklärung und Inspiration in freier Weise in die Gesellschaft tragen kann. Letztlich hängt es vom geistigen Leben einer Gesellschaft ab, ob sie in die Barbarei zurückfällt oder nicht.

Über Mut und Aufklärung

Um aufgrund von Argumenten umzudenken, braucht es einen starken und aufrechten Charakter. Das redliche Denken in der Wissenschaft wäre ein Beispiel dafür, also eine These auf Basis von logischer und/oder empirischer Kritik loszulassen, obwohl ich vorher daran geglaubt habe. Dafür ist die redliche und selbstlose Wahrheitssuche Voraussetzung. Allerdings wurde der Wahrheitsbegriff durch den Relativismus, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit habe etc., sehr verwässert. Die wissenschaftliche Wahrheitssuche durch Argumente ist dann nicht mehr möglich, an deren Stelle ist die Reputation von Autoritäten getreten.

Karl Popper hat versucht klarzulegen, dass wir immer redlich nach der Wahrheit suchen müssen, und dass wir nie ganz sicher sein dürfen, sie gefunden zu haben. Dafür braucht es aber eben diesen aufrechten und starken Charakter, der eine Position zugunsten einer plausibleren aufgibt. Offenbar werden wir durch einen akademischen Abschluss allein zu dieser redlichen Wahrheitssuche noch nicht befähigt.

Eine bedenkenswerte Erklärung dafür, warum wir durch Argumente meist nicht umdenken können, liefert die Psychoanalyse. Wer als Kind in seinen Bedürfnissen nicht respektiert wurde, lernt sich an die Wünsche der Bezugspersonen anzupassen, anstatt eine eigene Haltung einzunehmen und eine individuelle Identität auszubilden. Es ist zu vermuten, dass auch heute noch 2/3 aller Probanden des Milgram Experiments den Stromknopf drücken würden, wenn eine Autorität es verlangt, obwohl der Proband schon vor Schmerz schreit. Einige erschütternde Thesen des Psychoanalytikers Arno Gruen verdeutlichen diese Dynamik:

„Wir, die wir uns für so individualistisch halten, verwechseln die Konstruktion einer persona mit der eigenständigen Entwicklung eines Selbst. …Korrektes Verhalten erzeugt den Anschein von Verantwortung, ist aber von der Übernahme von Verantwortung weit entfernt. …Es ist die Nicht-Anerkennung der empathischen Wahrnehmungen des Kindes und seiner Bedürfnisse während der ersten Monate seines Lebens, die dazu führen, dass es keine eigene Identität entwickeln kann. …Solch eine fremdbestimmte Identität, die aus Introjekten besteht, fühlt sich bedroht, wenn sie in Frage gestellt wird…

Tatsache ist jedoch, dass alltägliche Verleumdungen normaler Bestandteil unserer Kultur sind. Der Wahrheit ins Auge zu blicken, fällt uns schwer. Wir sind gefangen in der Angst, zu sehen, was wirklich ist….Wir stufen diejenigen Menschen als normal ein, die sich der allgemeinen Verleugnung anpassen und so in unserer Kultur erfolgreich operieren. …Wer ergründen will, warum Menschen gegen ihre eigenen Interessen kämpfen, warum sie ihre eigene Versklavung befördern, muss sich zuerst dem eigenen Gehorsam stellen. Wenn aber das eigene Selbst zur Bedrohung geworden ist, gelingt diese Konfrontation nicht. Die lauernde Angst mutiert zu einem Streben nach Sicherheit. Und genau diese Sicherheit verspricht der Gehorsam.“ (Arno Gruen, „Wider den Gehorsam“ 2014)

Ein Indiz dafür, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die auf Basis von Argumenten nicht umdenken können, ist deren Sich-Berufen auf Autoritäten. Für solche Menschen zählt vor allem, ob eine Aussage von einer geachteten Person oder Instanz geäußert wurde, oder von einer mit zweifelhaftem Ruf. Was diese Menschen nicht bemerken ist, dass sie sich vielleicht zu wenig ihres eigenen Verstandes bedienen, und dass ihr Bild von geachteten und zweifelhaften Personen und Instanzen zunehmend die Folge von gezielt inszenierten Narrativen ist.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Immanuel Kant, „Was ist Aufklärung“)

Was tut ein auf Autorität ausgerichteter Mensch, der durch Argumente unter Druck kommt? Er sucht bei anderen Argumenten Zuflucht, die ihn doch bestätigen, in der Wissenschaftstheorie ad-hoc-Hypothesen genannt. Und er verdrängt diejenigen, die ihn ins Wanken bringen. Es geht darum, das innere Wanken zu verhindern, deshalb lassen wir uns durch Argumente so selten überzeugen. Es fehlt nicht an Verstand, aber an Mut und an innerer Stärke.

Woher kommt dieser Mut? Aus einem Selbstwert, der nicht immer Applaus von allen Seiten braucht, und deshalb auch nicht so schnell erpressbar ist durch Nicht-Zustimmung und Liebesentzug. Es braucht einen Charakter, der in sich selbst ruht, der seine Nächsten liebt, wie sich selbst. Das verbreitete Narzissmus-Bashing schüttet in dieser Hinsicht das Kind mit dem Bad aus. Ohne ein gewisses Maß an Selbstwert und Mut gibt es keine Kreativität, keine Originalität, kein Unternehmertum und kein zufriedenes Leben.

Meine persönliche Strategie zur Stärkung meines Mutes ist die geistige Übung und Erfahrung. Nach vielen Jahren der Übung gelingt es mir, meditativ in einen hellen und warmen Zustand zu finden, und diesen auch zu halten, wenn ich Konkretes und auch Besorgniserregendes in meinen Bewusstseinsraum hereinnehme. Unabhängig von Kindheitstraumata meine ich dadurch meinen innerer Mut verstärken zu können.

Ich kenne aber auch Agnostiker, die diesen Mut haben, einfach weil sie ihren Prinzipien treu sind und ihr Fähnchen nicht gleich in den Wind hängen, wenn es unangenehm für sie wird. Ich habe höchste Achtung vor solchen Menschen. Welche Strategien es noch gibt, um den inneren Mut und Selbstwert zu stärken, ist eine der wichtigsten Fragen, die wir uns stellen sollten.

Aktuelle Krisen zeigen uns deutlich, dass wir als Gesellschaft nicht so aufgeklärt sind, wie wir meinen. Verstand ist mehr da, denn je. Aber Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, und zu eigenen, vielleicht von der Mehrheit abweichenden Schlüssen und Haltungen zu kommen, dieser Mut ist nicht halb so verbreitet wie der Verstand.

Die Aufklärung mag den Glauben an die Kirche und die Monarchie erschüttert haben. Der Glaube ist aber nicht verschwunden, sondern heftet sich heute an eine neue Kirche, an neue Autoritäten, nämlich an die Medien, die Experten und die Politiker. Für eine Demokratie kein ungefährlicher Zustand. Karl Popper rechnete in seiner „Offenen Gesellschaft“ noch mit einigen Rückfällen der modernen Demokratien in geschlossene und autoritäre Staatsformen.

Grundlage für die offene Gesellschaft und ebenso für offene Unternehmenskulturen ist der freie und verantwortliche Mensch und sein genuines Selbstwertgefühl. Unsere Erziehungs- und Bildungsprozesse endlich konsequent darauf auszurichten, wie es schon so viele forderten, ist wieder einmal das Gebot der Stunde.