Erste Voraussetzung: Watzlawicks zweites Axiom
Paul Watzlawicks Axiome der zwischenmenschlichen Kommunikation sind seit 1969 sukzessive in unser Theoriewissen eingesickert, sodass fast jeder heute das erste Axiom „man kann nicht nicht kommunizieren“ kennt. Watzlawicks zweites Axiom lautet: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt…“ 1
Wenn wir diesen Satz ernst nehmen, ergeben sich zumindest zwei folgenschwere Konsequenzen für die Praxis der gegenseitigen Einflussnahme in der Arbeitswelt. JEDE Kommunikation hat beide Aspekte, also kann es ein „rein sachliches Gespräch“ gar nicht geben. Auch bei einem sachlichen Gespräch wird die Beziehungsqualität mitgestaltet, also verbessert, verschlechtert oder bestätigt. Es ist nur häufig der Fall, dass wir gerade dann wenig Bewusstsein für die Beziehungsebene aufbringen, wenn wir sehr auf den Inhalt oder die Sache fokussiert sind.
Beispiel: Die sachliche Mitteilung von A, „künftig muss also zu jedem Projekt am Monatsersten ein solcher Statusbericht ausgefüllt werden“, kann durchaus zu folgender Reaktion von B führen: „Wieviel Bürokratie wollt ihr uns denn noch aufbürden? Die Kunden jammern ja jetzt schon, dass alles viel zu langsam geht, nur weil ihr alles und jeden kontrollieren wollt.“
Diese Mitteilung wäre dann jedenfalls gründlich in die Hose gegangen. Warum? Die Beziehungsebene wurde von A nicht ausreichend ernstgenommen, aus der Hoffnung heraus, dass ein rein sachliches Gespräch zielführend sei. B hingegen fühlt sich übergangen und traktiert.
Eine weitere folgenschwere Konsequenz des zweiten Axioms von Watzlawick ist, dass die Beziehungsebene stärker wirksam ist als die Botschaften der Sachebene. Unbemerkte Abwertungen und Kränkungen können den Diskurs zu einem Thema deutlich erschweren oder gar blockieren. Und wiederholen sich diese oder sind gar Kultur, dann leiden Motivation und Stimmung, und jegliche Interaktion wird beeinträchtigt, sodass auch Kleinigkeiten zu Problemen aufgebauscht werden.
Hingegen ermöglicht eine respektvolle Beziehung eine schnelle und unkomplizierte Kommunikation und kleine Fehler werden weggesteckt. Konstruktive Beziehungen sind also entscheidend für die Verständigung auf der Sachebene und für das Entstehen starker Commitments.
Den Sinngehalt von Watzlawicks zweitem Axiom im entscheidenden Moment im Bewusstsein zu haben, ist grundlegend für eine Lösung des Führungsdilemmas.
Zweite Voraussetzung: Soziale Intelligenz
Kognitive Intelligenz mag für die Argumentation in der Sache wichtig sein, auf der Beziehungsebene reicht diese allerdings nicht aus. Nur das bewusste Fühlen kann uns die relevanten Erkenntnisse auf der Beziehungsebene vermitteln. Diese Intelligenz der Seele wird von vielen Menschen heute nicht mehr zynisch belächelt, sondern in ihrem Wert und ihrer Nützlichkeit anerkannt. In einer populären Wissenschaftssendung wird das wie folgt beschrieben:
„Ein Mensch kann sich mit Hilfe seiner sozialen Intelligenz in andere Personen hineindenken und so die Folgen seiner Entscheidungen und Handlungen einschätzen. Ebenso kann er dadurch die Handlungen, Entscheidungen und Wünsche der Anderen verstehen und sich entsprechend verhalten. Für eine effektive Kommunikation zwischen Mitmenschen ist diese Fähigkeit unerlässlich.“ (ORF, Science, 1.1.2010)2
Die zweite Ebene der Kommunikation, die Beziehungsebene, kann also nur in unser Bewusstsein kommen, wenn wir nicht nur rational an ein Führungsgespräch herangehen, sondern auch emotional. Meine eigene subtile seelische Befindlichkeit gibt mir Auskunft darüber, in welcher seelischen Verfasstheit sich mein Gegenüber befindet und wie sich diese Verfasstheit durch meine Interventionen verändert.
Damit haben wir unser Bewusstsein real um ein Wahrnehmungs- und Gestaltungsfeld erweitert, das uns ermöglicht „die Folgen unserer Entscheidungen und Handlungen“ einzuschätzen und richtig umzugestalten. Die Frage ist nur, ob wir unseren Einschätzungen trauen. Meine Erfahrung ist sehr deutlich: Die meisten Menschen klassifizieren ihre Wahrnehmungen auf diesem Feld als „nur subjektiv“ und vollziehen eine reflexhafte Selbstabwertung. Also berücksichtigen sie diese Wahrnehmungen kaum bei ihren Entscheidungen. Andere wiederum haben die Frechheit ihren subjektiven Wahrnehmungen zu trauen und fahren gut damit.
Aber wer sagt denn, dass diese Wahrnehmungen „nur“ subjektiv sind? Immanuel Kant hat diese Form der Wahrnehmung eine „subjektive“ genannt, aber er meinte damit eine, die ich „am eigenen Subjekt mache“. Sie sind genauso brauchbare Informationen und zugleich mit Vorsicht zu genießende Informationen, wie die sogenannten objektiven Wahrnehmungen. Für Kant zählten zu diesen subjektiven Erfahrungen die ästhetischen und ein Stück weit auch die moralischen.3
Im zwanzigsten Jahrhundert kommen mehrere wissenschaftliche Versuche auf, der sozialen Intelligenz neben der rationalen Intelligenz zu ihrem Recht zu verhelfen (wie auch der praktischen usw.). Bestseller von Howard Gardner, „Die multiplen Intelligenzen“ 1985 und Daniel Goleman, „Emotionale Intelligenz“ haben den Begriff populär gemacht, inhaltlich bleiben sie aber aus Sicht der Wissenschaft umstritten. Verständlich, da die Domäne der Wissenschaft die Rationalität ist. 4
Die Fähigkeit der sozialen Intelligenz ist jedenfalls neben einem Bewusstsein von der Beziehungsebene die zweite Voraussetzung zur Lösung des Führungsdilemmas. Denn jetzt müssen wir nicht mehr fragen, Beziehung oder Aufgabe, sondern wir haben beide Gestaltungsfelder in jeder Situation vor uns.
Jetzt können wir die Theorie formulieren, dass eine gelungene Führungsaktion immer beide Ebenen gestaltet, die Aufgaben- und die Beziehungsebene. Die Frage ist allerdings, wie gestalten wir zwei Ebenen mit ihrer jeweils eigenen Gesetzlichkeit richtig? Darauf wird das entscheidende nächste Kapitel eine klare Antwort geben.
- „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. „Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien.“ 1969 / 2017 ↩︎
- Link: https://sciencev1.orf.at/science/news/11862 ↩︎
- Immanuel Kant, „Kritik der Urteilskraft“ 1790. ↩︎
- Howard Gardner, „Multiple Intelligenzen“ 1983. Daniel Goleman „Emotionale Intelligenz“ 1995. Neuere Forschungen auch z.B. Peter Salovey und John D. Mayer, „Emotional Intelligence“ 1990. Psychologisch ist das Feld für subjektive Phänomene wie eine soziale Intelligenz ohnehin schon seit mehr als hundert Jahren offen, etwa durch William James‘ „Principles of Psychology“ 1890. Und genauso philosophisch, etwa in Edmund Husserls Phänomenologie, in der subjektive Bewusstseinsereignisse ein legitimer Ausgangspunkt für Wissenschaft sind. Edmund Husserl, „Ideen zu einer reinen Phänomenologie…“ 1913. ↩︎
Entdecke mehr von Herbert Salzmann
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
