Entwicklung war der zentrale Begriff für den anthroposophischen Arzt Bernard Lievegoed, der die Organisationsentwicklung in Europa mitbegründete. Wie kann die Niederlande, wie können die kriegszerstörten Gesellschaften nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebaut werden? Sie müssen den Entwicklungsgedanken in sich aufnehmen. Diese Auffassung machten Lievegoed und Mitstreiter 1954 zur Grundlage ihres Wirkens. Mein Glück war, von Menschen lernen zu dürfen, die damals dabei waren.
Mit Geldern des Marshall Plan machten sie sich an die „Entwicklung von Mensch und Organisationen“, nach dem Vorbild des Tavistock Instituts. Dieses hatte neben der technischen Dimension auch die soziale Dimension von Organisationen in die Entwicklung mit einbezogen und Lievegoed fokussierte nochmals dezidiert auf die geistig-kulturelle Dimension.[1]
„Entwicklungs“-Beraterinnen und Berater müssen Entwicklung zunächst tiefer und besser verstehen als das Management eines Unternehmens. Denn Entwicklung ist die genuine Aufgabe externen Prozessberatung, solange die Fähigkeit dazu nicht bei den Führungskräften selbst da ist. Dann müssen auch diese Entwicklung besser und tiefer verstehen.
Was haben wir für ein Bewusstsein von „Entwicklung“? Wo ist der Begriff der Entwicklung im Bewusstseinsspektrum zu verorten? Hier eine anthropologische Seinslehre Rudolf Steiners, in Übereinstimmung mit der Philosophie des deutschen Idealismus, oder auch noch des Max Scheler im 20. Jahrhundert.[2]
- 4 Materielles (Mineral) – Im Stein „ist“ Geist
- 3 Lebendiges (Pflanze) – In der Pflanze „lebt“ Geist
- 2 Seelisches (Tier) – Im Tier wird der Geist zum „Erleben“ und „Wollen“
- 1 Geistiges (Mensch) – Im Menschen kommt der Geist zu einem „Bewusstsein“ seiner selbst. Zunächst im Verstand, dann schrittweise in einer lebendigen Vernunft.
Im Rahmen der Entwicklungsberatung ist es notwendig, das Geistige, oder das Bewusstsein (1), das zunächst nur in Form des Verstandes auftritt, zu erweitern, sodass es das Seelisch-Soziale (2) klarer zu erfassen vermag, und dann auch das Lebendige (3). Nur dann bekommen wir lebendige und bewegliche Begriffe, wie etwa den der „Entwicklung“.
Um „Entwicklung“ – was ja ein Vorgang ist – als solche denken zu können, muss der Verstand selbst lebendig gemacht werden. Das heisst, er muss systemisch und prozessual erweitert werden, damit er auch das lebendige Geschehen und dessen Einbetttung in Zusammenhänge erfassen kann. Das normale Verstandesdenken kann mit dem Leben selbst nicht richtig umgehen. Es reduziert dieses noch auf Gegenstände, Analysen und Abstraktionen.
Der Verstand ist zunächst mit systemischen Zusammenhängen überfordert. So will etwa so mancher Lungenfacharzt keinen Zusammenhang mit dem Darm herstellen, weil dieser in das Gebiet eines anderen Spezialisten fällt. Ähnlich wollen manche Berater das Thema Führung kulturell oder demokratiepolitisch erst gar nicht einordnen, weil es ihr Spezialgebiet überschreiten würde und sie mit diesem Anspruch überfordert wären.
Dieser Überforderung durch die Wirklichkeit müssen wir uns als Berater aber laufend stellen. Überforderung und Ratlosigkeit können auch als erste Anzeichen lebendiger Bewusstheit gedeutet werden. Hier beginnt das Neuland, die Entdeckung und die Entwicklung. Das sokratische Nichtwissen kommt hier erst ins Spiel, und damit der Zugang zu wirklichem Vernunft-Wissen, also dem „vernommenen“ Wissen.
Die dritte Sphäre, das Lebendige, ist noch schwerer zugänglich als die Beziehungssphäre. In sie dringt das Bewusstsein bisher nur begrenzt ein. Wenn der Verstand „Entwicklung“ denkt, verwendet er statische Vorstellungen, anstatt die lebendige Dynamik zu erfassen.
Ohne Erweiterung unserer geistigen Vermögen können wir Lebensprozesse nicht denken. Deshalb ist die auch die Prozessorganisation für Manager und Berater zunächst schwer zu fassen und zu gestalten. Unser Bewusstsein hält sich lieber an die Aufbauorganisation, weil diese mit dem Verstand zu erfassen ist. In der Wirklichkeit ist hingegen die Ablauforganisation am Werk, oder – weiter gefasst – ein Organismus autopoietischer (selbsthervorbringender) Prozessdynamiken. Diese begrenzt erfassbare Dynamik, dieses Eigenleben einer Organisation, bringt die Ergebnisse hervor, erwünschte und unerwünschte.
Der Mathematiker Alfred North Whitehead hat deshalb in „Prozess und Realität“ (1929) versucht, die Wirklichkeit als multiples Prozessgeschehen zu beschreiben, anstatt als Gefüge von Dingen und Substanzen. Was wir Wirklichkeit nennen, ist eigentlich ein ständiges eigendynamisches Werden und Sich-Umformen.
Whitehead überforderte mit dieser These eine Wissenschaft, die auf festhaltbares und reproduzierbares Verstandesdenken ausgerichtet war, genauso wie vor ihm schon Goethe. Mit seinem Versuch, die Naturlehre phänomenologisch und ganzheitlich zu denken, in der Botanik, der Zoologie, der Geologie, aber auch der Wetterkunde oder der Farbenlehre, ist Goethe an der bis heute noch vorherrschenden Verstandeswissenschaft abgeprallt.
Blau entsteht nach Goethe – für jeden Menschen nachvollziehbar – in der Trübe. Wenn ein heller Raum vor einem dunklen gesehen wird, sehen wir blau. „Hell vor dunkel“, wie z.B. beim blauen Himmel der Fall, oder beim blauen See. Bei Gelb ist es umgekehrt. Gelb sehen wir, wenn ein dunklerer Raum vor einem helleren gesehen wird. Das ist z.B. bei der Sonnescheibe der Fall, die heller ist, als der Weltraum davor. Rot schließlich entsteht durch die „Steigerung“ der Trübe, von Gelb her oder von Blau her. Gelb, Blau und Rot bilden somit den Farbkreis, aus dem alle anderen Farben durch Mischung ableitbar sind.
Auch der Bereich der Lebewesen ist für Goethe ein ganzheitlich geordneter und strukturiert unterscheidbarer (Synthese und Analyse). Die Kohlpflanze wird zum Rettich, wenn sie die Wurzel nährt, zum Kohlrabi, wenn sie den Stengel nährt, zum Kohlkopf, wenn sie das Blatt nährt und zum Blumenkohl, wenn sie die Blüte nährt.[3] „Immer das selbe und doch immer etwas anderes“ wird Anton Webern später begeistert über Goethes Naturwissenschaft ausrufen.
Die Entwicklung der Pflanze vollzieht sich bei Goethe durch die selbe Polarität und Steigerung wie in der Farbenlehre, nur sind es jetzt Lebens- und Sterbeprozesse anstatt der Grundfarben. Das Blatt verzichtet auf seine weiteres Wachstum, um zur Blüte umgewandelt zu werden. Entwicklung vollzieht sich, indem Lebens- und Sterbeprozesse in bewundernswerter Präzision zusammenwirken und Formen in unendlicher Vielfalt entstehen lassen.
Dieser frühe Versuch einer ganzheitlichen und prozessualen Wissenschaft durch Goethe wird bis heute nur von einer geistigen Elite wahrgenommen und geschätzt. Z.B. von Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizäcker oder Erwin Schrödinger.[4] Der Komponist Anton Webern hat die Größe von Goethes Naturwissenschaft ebenfalls erkannt und sie zu seinem Kompositionsprinzip erklärt. [5]
Für Rudolf Steiner schließlich, der ja Goethes Naturwissenschaftliche Schriften herausgegeben hatte, war Goethe deshalb der Ausgangspunkt einer lebendigen und ganzheitlichen Geisteswissenschaft, die er später Anthroposophie nannte. Eine solche lebendige, ganzheitliche und organische Wissenschaft könnte dem Leben und der Welt in ihrer Vielbezüglichkeit und Prozessualität näher kommen als ein analytischer Verstand, der allerdings wertvollste Vorarbeiten dazu leistet.[6]
Die meisten Wissenschaftler und Gebildeten blicken heute eher mitleidig auf Goethe als Naturwissenschaftler herab. Allerdings fast durchwegs, ohne ihn gelesen zu haben. Aus zweiter Hand, halbgebildet, wissenschaftsgläubig und ideologisch verblendet. Sie bleiben wie viele andere Menschen in ihrem Verstand gefangen, der weder an das Leben heran kommt, noch an den Menschen, noch an die Organisation. Und der keine Fragen mehr hat. Im Gegensatz dazu rechnete Heisenberg damit, dass eine Wissenschaft nach Goethescher Methode eventuell erst noch vor uns liegen könnte:
„Wir werden von Goethe auch heute noch lernen können, daß wir nicht zugunsten des einen Organs, der rationalen Analyse, alle anderen verkümmern lassen dürfen; daß es vielmehr darauf ankommt, mit allen Organen, die uns gegeben sind, die Wirklichkeit zu ergreifen und sich darauf zu verlassen, daß diese Wirklichkeit dann auch das Wesentliche, das „Eine, Gute, Wahre“ spiegelt. Hoffen wir, daß dies der Zukunft besser gelingt, als es unserer Zeit, als es meiner Generation gelungen ist.“ (Werner Heisenberg, „Das Naturbild Goethes und die technisch-naturwissenschaftliche Welt“ 1967.)
Als Anthroposoph und Goetheanist wollte auch Bernard Lievegoed, dass die Berater des NPI organische Entwicklungen in Organisationen lebendig denken lernen. Die Anleitung dazu ist – nicht nur, aber vor allem – bei Rudolf Steiner zu finden. Oder näher an der Gegenwart im Werk Georg Kühlewinds. Dieses Wissen ist allerdings nicht ohne Anstrengung zu haben und nicht ohne schmerzliche Selbsterkenntnis.[7] Deshalb bleibt die mittels Übung erweiterte Bewusstheit eine Sache von wenigen, denen man auch heute noch einen elitären Anspruch vorwerfen kann.
Ohne bewusste geistige Übung über längere Zeit, dem sogenannten „Schulungsweg“, können wir dem Beruf der Entwicklungsberatung nicht gerecht werden, das wusste Lievegoed. Und es stimmt bis heute, nur ist die Zahl deren, die systematisch und langfristig an der Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten arbeiten, auch unter den Entwicklungsberatern begrenzt, wie auch unter Physikern, Ärzten oder Künstlern.
Entwicklungsberatung im Sinne von Lievegoed verlangt also, dass die Beraterinnen und Berater parallel zu ihrer Arbeit ihr Bewusstsein schulen, welches sie dann schrittweise in immer anspruchsvollere Tiefen führen kann. Diese Thematik hat auch zu Spannungen und Krisen unter den Beratern geführt, die auf Basis dieses sogenannten „Lievegoed-Impulses“ ausgebildet wurden. (https://www.asd-international.org/)
Aufbauend auf die Grundlagen von Lievegoeds NPI wurden von Fritz Glasl die weit verbreiteten „Sieben Wesenselemente der Organisation“ entwickelt, von Lex Bos das Modell der „Dynamischen Urteilsbildung“, oder von Claus Otto Scharmer die „Theory U“. Diese Modelle stehen beispielhaft für eine Bewusstseinsschule, die durchaus hohe Anforderungen an Beraterinnen und Berater stellt. Und sie beruhen alle auf dem Entwicklungsverständnis von Goethe, Steiner und Lievegoed, auch wenn die genetischen Beziehungen nicht bei jeder Gelegenheit explizit gemacht werden. Die typologischen Analogien sprechen für sich.
Viele Berater bekommen heute also solche ganzheitlichen Modelle gelehrt, die von Menschen entwickelt wurden, die einen geistigen Schulungsweg gehen. Und sie werden auch mehr oder weniger auf die geistigen Quellen bei Goethe oder Steiner hingewiesen. Aber das Thematisieren des Schulungsweges selber, bleibt fast tabu. Dies mit einem gewissen Recht, denn die Entscheidung für einen solchen geistigen Weg ist eine sehr individuelle und existenzielle, die nur in Freiheit erfolgen sollte und von niemand verlangt werden kann.
Außerdem dauert ein solcher geistiger Schulungsweg sicher Jahre, bis er greifbare Früchte trägt. Eine Ausbildung in Beratung müsste dann ja auch Jahre dauern, wenn ein individueller geistiger Entwicklungsweg damit verbunden wäre. Und so ist es auch.
Viele jener hingegen, die von der verlockenden Aussicht verführt wurden, dass sie nur einen einjährigen Lehrgang machen müssten, um dann das Knowhow für Organisationsentwicklung zu haben, werden enttäuscht. Sie leiden als schnellgebackene Organisationsberater manchmal lange noch unter diffusen Konkurrenz- und Minderwertigkeitsgefühlen, welche sie sich selbst nicht recht deuten können. Sie ahnen den geistigen Schulungsweg, wurden aber nicht hingeführt. Oder sie haben es versucht und sind zurückgeschreckt.
Wer einen geistigen Schulungsweg geht, begegnet nämlich gesunderweise von Anfang an dem „Hüter der Schwelle“, so Steiner. Dieses Erlebnis stößt uns sogleich auf unsere Unzulänglichkeit hin. Diesen müssen wir uns stellen lernen und sie aushalten und verwandeln. Das ist die erste Prüfung eines zeitgemäßen Schulungsweges. Deshalb ist der Weg, den Steiner rät, auch so unpopulär.
Menschen, Gruppen, Organisationen und Gesellschaften sind komplexe und nur teilweise erforschte Entitäten. Sie haben einen großen Einfluss auf uns, aber wir nicht auf sie. Und das ist vielleicht gut so. Denn unsere unverwandelten Schattenseiten, Machtgelüste, Eitelkeiten usw. stünden uns dabei im Wege und würden Schaden anrichten. Denn „die Verantwortung für die Gruppe setzt eine Persönlichkeit voraus, die mit ihrem Schattenproblem fertig geworden ist“, wie Erich Neumann sagt. („Tiefenpsychologie und neue Ethik“ 1949).
Diese halb diffuse und nur halb explizite Voraussetzung, dass fähige Beraterinnen und Berater diesen persönlichen Entwicklungsweg mit seinen existentiellen Fragen und Krisen gehen müssen, hat schon bald zu einem – teilweise berechtigten – Ideologieverdacht seitens jener geführt, die auf andere Beratungsmodelle und Grundannahmen setzen. Also z.B. seitens kybernetischer, konstruktivistischer oder systemischer Schulen, die ja ebenfalls solide ausgearbeitet sind und eine große Anhängerschaft haben.[8]
Die These von der Voraussetzung eines geistigen Schulungsweges für den Beratungsberuf hat außerdem auch zu Zerwürfnissen innerhalb von Beratungsfirmen und Beratungsnetzwerken geführt. Es gibt nämlich in solchen Gemeinschaften immer wieder zwei Gruppen, nämlich jene, die einen solchen Schulungsweg gehen und jene, die das nicht für notwendig erachten. Diese Zerwürfnisse sind ungesund für beide Seiten und können, wenn überhaupt, nur durch größtmögliche Ehrlichkeit überwunden werden.
Die Gefahr bei den Versöhnungsversuchen ist allerdings, dass die Identität einer Beratungsfirma oder eines Netzwerks so ausgeweitet wird, dass alle darin Platz haben. Die Identität wird dann erfahrungsgemäß nichtssagend und auswechselbar, womit die Organisation ihre Mitte verliert und die Marke ihren Wert. Und die Branche der Organisationsberater ihren Anspruch.
Wenn wir Gesellschaften und Organisationen ein geistiges Eigenleben zugestehen, wie es ganzheitliche Berater tun und wie es auch in der Soziologie tut[9], dann ist die Entwicklung der eigenen Bewusstseinsfähigkeit hilfreich oder notwendig, um mit diesen Eigenwesen interagieren zu lernen.
Abschließend versuche ich exemplarisch am „Wesen einer Gruppe“ zu veranschaulichen, was ich selbst durch einen geistigen Schulungsweg gelernt zu haben meine. Bei der Begegnung mit dem Wesen einer spezifischen Gruppe, beispielsweise einem Managementteam, kann folgendes in meinem Bewusstsein vorgehen:
Ich habe erkannt, „die Gruppe ist erzeugend erzeugt“. Das heisst, obwohl sie sich aus dem Seelenleben der Einzelmenschen aufbaut, wirkt sie auf diese Menschen erzeugend zurück. Und zwar manchmal mit unheimlicher Gewalt, wie Gustave LeBon beschrieb („Psychologie der Massen“ 1895).
Ich versuche nun über solche allgemeinen Theorien hinaus jedesmal diese spezifische Gruppe kennen zu lernen. Jede Gruppe ist anders und will anders behandelt werden. Sie hat ihre Aufgabe, ihre Kultur und ihre Epigenetik. Sie ist in ein spezifisches Umfeld eingebettet. Sie ist von Einzelpersönlichkeiten dominiert usw. Ich muss also ihre spezifische Seele erfassen, wenn ich etwas für sie tun will. Allgemeine Typologien hingegen, sind nur Verstandeskonstrukte.
Der Schritt, mit dem „erzeugend erzeugten Eigenleben“ einer Gruppe in Berührung zu kommen, verlangt geistige Fähigkeiten, die durch einen Schulungsweg verstärkt werden können. „Gedankenkonzentration, Gleichmut, Willenskraft, Positivität und Unbefangenheit“ nennt etwa Rudolf Steiner die fünf Grundfähigkeiten, die jeder Mensch verstärken muss, wenn er einen Schulungsweg geht.[10]
Die Übung solcher Fähigkeiten hilft mir beispielsweise, ein unauffälliges Momentum im eigenen Bewusstseinsraum überhaupt ausreichend plastisch zu bemerken. Etwa eine Spannung, ein Unwohlsein, ein Aufleuchten von Begeisterung usw. Die Schulung hilft mir, solche inneren Ereignisse deutlicher zu sehen und länger in meinem Bewusstseinsraum „sein“ zu lassen.
Ermutigt dazu bin ich durch „das Prinzip aller Prinzipien“ des wissenschaftlichen Phänomenologen Edmund Husserl, das „jedem Ereignis im Bewusstseinsraum zunächst die selbe Rechtsgültigkeit“ zuspricht. Ob dieses Momentum nichts oder viel hergibt, muss sich erst zeigen. Es von vorneherein abzuweisen, weil es „nur subjektiv“ sei, wäre ein Vorurteil, das „eingeklammert“ werden muss. (siehe nächste Fußnote). Jede sogenannte Wahrnehmung ist ja auch schon von einer Fülle vorbewusster Annahmen durchdrungen, wie Kant zeigte und später der Konstruktivismus. Ein „Faktum“ ist also immer schon etwas „Gemachtes“, nur nebenbei bermerkt.
Ich kann ein solches Momentum in einer Gruppe durch die Schulung klarer, tiefer, umfassender „sehen“. Die durch wiederholtes Üben verstärkten Bewusstseins-Kapazitäten helfen mir auch die Wirkungsbeziehungen um das Momentum herum zu gewärtigen. Auch dieses räumlich und zeitlich verzweigte Geflecht kann ich länger, intensiver, klarer sehen.
Eventuell kann ich durch längeres „Draufbleiben“ zu Gestalt-Anmutungen kommen, die früher eine „Schau“ genannt wurden, Farben, Formen, Bewegungen usw. Die sind aber, wenn überhaupt wichtig, nur ein Übergangsphänomen. Exakterweise handelt es sich nach Steiner dabei um die Stufe der Imagination, die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis. Also einer Erkenntnis, die nicht nur auf die Informationen der Sinne beschränkt bleibt, sondern auch andere Ereignisse im Bewusstseinsraum erkennt: Zuschreibungen, Begriffe, Bewertungen, Annahmen, Ideen, Folgen usw.
Der eigene Bewusstseinsraum ist bei genauerer Betrachtung nicht von seinen Objekten zu trennen. Meine Aufmerksamkeit ist „dort“, aber das Bewusstseinsereignis ist in mir. Insofern erlebe ich nicht nur in meinem Bewusstseinsraum, sondern auch in der Welt. Ich bin wahrheitsfähig, auch gemäß dem kritischen Rationalimus des Karl Popper. Ich gewinne möglicherwiese relevante Hypothesen über die Wirklichkeit. Welche Relevanz sie haben, kann sich erst in einer phänomenologische Prüfung (gemäß Husserl) nach und nach zeigen.
Die Erkenntnisreihe oder das innere Erfahrungspanorama kann dazu führen, allgemein etwas über das Wesen von Gruppen zu erfahren, das ich bisher in der Theorie noch nicht vorgefunden hatte. So lassen sich neue, originäre Hypothesen gewinnen, die in den allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs eingebracht werden können.
Oder ich kann etwas wichtiges über diese Gruppe in dieser Situation erfahren. Es leuchten Erkenntnisse und Willensimpulse auf, die ich ebenfalls versuche zu suspendieren, d.h. nur als Hypothesen zu nehmen. Aber das sind bei längerer geistiger Schulung nicht nur blasse Vermutungen, sondern sich aufdrängende Impulse. Mit denen umgehen zu lernen ist eine neue charakterliche Herausforderung. Ein intuitiverer Mensch hat auch eine höhere Neigung, anderen ins Wort zu fallen. Und manchmal verfällt er peinlicher Weise auch in eine Obsession oder in Rechthaberei, statt in eine Schau.
Die Ergebnisse eines schauenden Bewusstseins sind also wohl mindestens so fehlerhaft und fragwürdig, wie die äußeren. Sie können aber, gemäß Edmund Husserl, ebenfalls weiter geprüft und untersucht werden. Da gibt es dann Momente, wo uns plötzlich etwas einleuchtet. Die beobachtete Realität wird deutlicher, verstehbarer, artikulierbarer. Das Bild wird Wort. Dieses schlichte innere Erfahren könnte pathetisch auch „Eingebung“ genannt werden. Oder besser, in der exakten Sprache Rudolf Steiners, „Inspiration“. Sie lässt uns nicht nur etwas „schauen“, sondern auch „verstehen“.
Die Erfahrung eines solchen Momentums kann und wird in den meisten Fällen auch zu Handlungsimpulsen führen: Was will ich sagen oder tun? Jetzt bin ich als Berater handlungsfähig, auch ohne mich von einem Plan oder Kozept fremdsteuern zu lassen.
Auch dieses Momentum muss zunächst supendiert werden. Aber es soll sein dürfen. Einfach nur, weil es „ist“, ohne gleich in konventionelle oder angelernte Urteils- oder Handlungsmuster zu verfallen. Und auch nicht auf mitgebrachte Konzepte, Methoden oder vorgefasste Pläne. Diese müssen ebenfalls „eingklammert“ oder „suspendiert“ werden. Sonst geht zwar der Prozess geordnet weiter und ich erscheine kompetent. Aber der Prozess entfernt sich von der lebendigen Wirklichkeit weg, hin zum Konzept oder zum Plan.
Viele Beratungsprozesse sind rückblickend so gesehen zwar keinesfalls gescheitert. Ja vielleicht hat man sie sogar als strukturiert und gelungen erlebt, so wie man sich die Arbeit gerne wünschen würde. Aber viele Entwicklungsprozesse haben letztlich wenig Impakt auf die Wirklichkeit, weil sie die Wirklichkeit unterwegs zugunsten eines Planspiels aufgegeben haben.
Ein schönes OE-Erlebnis zu ermöglichen, ist das eine. Einen wirkliche Impakt zu haben, ist das andere. Diese Unruhe muss in der Beratung immer lebendig sein. Da ist nichts klar. Nichts.
Die Unsicherheit ist in einem gelungenen Prozess unser ständiger Begleiter. Oder positiv formuliert, die Unsicherheiten halten uns auf Trab und fordern laufend unsere schöpferische Intelligenz heraus. Alles andere ist nur Pseudo-Beratung mittels instrumenteller Vernunft.
In den Momenten der Unsicherheit ist es wichtig, die eigene Ratlosigkeit oder das eigene Nichtwissen zu sehen und „sein“ zu lassen. Kannst eh nichts machen, außer dir und anderen was einzureden. Hier wird Vertrauen wichtig. Urvertrauen. Es ist, wie es ist. Positivität, sagt Steiner, und Unbefangenheit.
Im schlimmsten Fall kann ich gar nichts tun. Na und? Dann bitte ich halt die anderen um Hilfe. Vielleicht wissen sie etwas. Ich muss ja hier nicht den Kompetenten spielen. Oder wir können auch mit einer Frage auseinandergehen und mit dieser eine Zeit lang leben. Ich darf und muss immer wieder ratlos sein, sonst bin ich nicht mehr Ich, sondern eine Persona oder Maske, die Theater spielt.
Bestenfalls komme ich an diesem Punkt aber zu eigenen Handlungsimpulsen, Vorschlägen, Ideen usw. Es leuchten Motivationen im eigenen Bewusstseinsraum auf, die gestaltende Eingriffe in das Gruppengeschehen nahelegen. Prozessual zumindest oder sogar auch inhaltlich, was von Beratern übrigens in ihrem Feld durchaus erwartet werden darf.
Solche Willensimpulse können auch nochmals suspendiert werden, um sie reiflich zu prüfen, ob sie nicht unbedacht oder aus Egozentrik erfolgen. Oder freudig und spontan die Handlung geschehen lassen, weil das Vertrauen und die Lust da ist. Eine wache Gruppe wird mich immer korrigieren, wenn ich vorschnell bin und daneben liege. [11]
Dadurch gewinnen der Berater oder die Beraterin neue, individuelle und schöpferische Handlungsmöglichkeiten und müssen nicht auf allgemeine „Erfolgsrezepte“ ausweichen. Dadurch wird Beratung erst zum schöpferischen Prozess. Und nein, nicht erst erfahrene Profis können sich das irgendwann leisten! Das ist das Prinzip der Beratung von Anfang an.
Im letzten und entscheidenden Schritt, den Handlungsimpulsen, handelt es sich übrigens nach Steiner um die echten „Intuitionen“. Sie treten auf der fast unbewusten Willensebene ein: Ich weiss jetzt, was ich will, was der Sache dient. Während die vorausgehenden Ereignisse auf der Denkebene (Imaginationen) und auf der Ebene des Fühlens (Inspirationen) eintraten.
Der Beratungsprozess, der sich auf solche eigene Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Intuitionen verlässt, kann weit mehr in der Wirklichkeit bewegen als ein vorgeplanter Prozess. Geplante Prozesse sind immer künstlich und werden von der künstlichen Intelligenz auch übernommen werden. Die schöpferische Entwicklungsberatung aber nicht. Sie schöpft immer wieder aus dem Nichts, aus der Unsicherheit, aus der Annahme der Welt in ihrer Fragwürdigkeit.
Kurzum, Entwicklungsberatung verlangt schöpferische Fähigkeiten, und nicht nur Pläne, Konzepte und Methoden.
[1] Bernard Lievegoed, „Soziale Gestaltung am Beispiel Heilpädagogischer Einrichtungen“ 1970. „Organisationen im Wandel“ 1974. „Dynamische Unternehmensentwicklung“ 1993, mit Friedrich Glasl.
[2] Friedrich J.W. Schelling, Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie“ 1799. Max Scheler, „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ 1928
[3] Johann Wolfgang von Goethe, „Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ 1790. Siehe auch Gesamtausgabe, „Naturwissenschaftliche Schriften“.
[4] Werner Heisenberg, „Die Goethesche und die Newtonsche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik“ (1941).
[5] Anton Webern, „Der Weg zur neuen Musik“ 1933 (1960). Auch der Dichter Gottfried Benn hat Goethes Naturwissenschaft in ihrem Wert erkannt und einen geistreichen Essay dazu verfasst: Gottfried Benn, „Goethe und die Naturwissenschaften“ 1949.
[6] Rudolf Steiner „Goethes Weltanschauung“ 1879.
[7] Rudolf Steiner, „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ 1910. „Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen betasten kann. Der Zuhörer darf sich in jedem Augenblicke sagen: wovon dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich gewisse Kräfte in mir entwickele, die heute noch in mir schlummern.“
[8] Wobei es gerade mit Systemikern wie Gunther Schmidt oder Insa Sparer und Matthias Varga von Kibed seitens einiger Trigon Berater langjährige fruchtbare Kooperationen gibt, die eine Integration von systemischen und geisteswissenschaftlichen Ansätzen vorangetrieben haben. Vgl. etwa die Werke meiner Kollegen aus der Trigon-Zeit Trude Kalcher, Hannes Piber, Fritz Glasl u.a. „Professionelle Prozessberatung“ (2005) 2020. Oder Oliver Martin und Julia Andersch, „Landkarten der Transformation“ 2023. Diese Bücher gehören neben den Werken von Lievegoed, Lex Bos und Friedrich Glasl, zum besten, was aus der „systemisch-evolutionären“ Richtung im deutschen Sprachraum an Methodenwissen zur OE vorgelegt wurde.
[9] Der Soziologe Emile Durkheim hat bezogen auf Gesellschaften beispielsweise von einem „kollektiven Bewusstsein“ gesprochen, das ein Eigenleben führt. („Über soziale Arbeitsteilung“ 1893).
[10] Nebenübungen Rudolf Steiners: https://anthrowiki.at/Neben%C3%BCbungen
[11] Ich habe mich hier der Methode des „stream of consciousness“ des Psychologen William James bedient (oder des Literaten James Joyce). Begriffe wie „Momentum“ oder „Bewusstseinsraum“ sind durch die phänomenologische Methodik der Wesensschau und des Einklammerns nach Edmund Husserl inspiriert. William James, „Die Prinzipien der Psychologie“ Bd.1 1890. Edmund Husserl „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“ 1913.
Entdecke mehr von Herbert Salzmann
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
