Wie alles begann (Institut für Sozialästhetik)

Das Institut für Sozialästhetik, Jack Moens und der frühe Überlebenskampf einer Idee (1990 – 2000)

Der Organisationsentwickler Jack Moens aus Holland hat uns um 1990 mit seinem Beruf, der uns bisher unbekannt war, begeistert. Jack war schon in den 50er Jahren zum Kreis des anthroposophischen Arztes und Heilpädagogen Bernard Lievegoeds gestoßen, aus dem das NPI entstand, eines der ersten Intitute für Organisationsentwicklung in Europa. Michael Kögler und ich wollten sofort diesen Beruf lernen. Wir hatten beide nach unserer Arbeit als Vermessungstechniker Geisteswissenschaften studiert und einige Erfahrung in der offenen Jugend- und Kulturarbeit gesammelt, inklusive dem Veranstalten von Rockkonzerten. Und wir waren auch schon etwas im Verein für Waldorfpädagogik Innsbruck aktiv, der Jack als Helfer eingeladen hatte. (Eine Schule, drei Kindergärten und ein Hort. Michael wurde dann später Obmann und ich Kassier).

Das wars. Für Jack war unsere Herkunft kein Hindernis, er schaute mehr auf die Zukunft. Auch wenn andere ihm sagten, er soll uns doch ehrlich sagen, dass das keinen Sinn hat, so jung und unverfahren und ohne einschlägige Ausbildung, blieb er uns als Lehrer treu. Unsere Begeisterung und unsere geistigen und sozialen Interessen waren ihm genug.

Jack half uns Projekte zu reflektieren und zu konzipieren. Nur reale Projekte und Bedürfnisse zählten, keine Ideenkonstrukte. Holländisch/englischer Pragmatismus!Aber woher die Projekte nehmen? Unsere ersten Kunden waren Jugendzentren und die Drogenberatung „Do it yourself“ in Bludenz, die von Ex-Junkies, katholischen Patres und engagierten Bürgern gegründet worden war. Aus dieser Szene kannten wir alte Freunde und die fanden unseren Ansatz interessant und vertrauten uns.

Bald kam Charly Schwärzler dazu, von den Schwärzler Hotels, der wohl unser erster Businesskunde war. Ihm und seiner Schwester Judith verdanken wir auch sehr viel. Überhaupt der Famile Schwärzler mit ihren fünf Hotels und sieben Kindern und dem Vertrauen, das die Eltern in ihre Kinder und deren Freunde, also mich, hatten. (Ich durfte im Hotel Schesaplana immer am „Patron Tisch“ sitzen). Auch später noch mit Charlys Agentur „X-net“, mit dem „Jungen Gastgewerbe“ in Vorarlberg und mit Judith Sparber-Schwärzler als Top-Managerin bei den Marché Restaurants, für die ich später 25 jahre lang als Management Trainer und Berater arbeiten durfte. Hunderte Geschäftsführer und Abteilungsleiter durfte ich später schulen, die Geschäftsführung strategisch beraten und vieles mehr.

Ab 1995 wuchsen die Kundenkreise in Westösterreich und Südtirol im Tourismus etwas, bei freien Schulen, in Jugend- und Kulturzentren, ab und zu noch eine Baufirma, ein Hotel, ein Bioladen, ein Hotel, ein Tourismusverband, ein Industriebetrieb für Weinkessel-Produktion in Südtirol (Olga). Und die Südtiroler Landesregierung (Klaus Nothdurfter) betraute uns mit Feldforschung und Konzeptarbeit zur Offenen Jugendarbeit.

Ein Projekt mit Karl (Charly) Schwärzler sei erwähnt: „Werturlaub in Brand“. Touristen zahlten für Lifte, Schiverleih, Restaurants und Hotel nur das, was sie wollten. Eine Woche lang in der ganzen Tourismusregion Brandnertal. Das musst du einmal zusammenbringen. Das war Charly, der dann später mit der Agentur „X-Net“ ganze Regionen mit Konzern-Veranstaltungen verknüpfte, bis heute. Und Reinhard Lanner, ein junger, frecher, mutiger Tourismusdirektor, später bei der Österreich Werbung und heute innovativer Tourismusberater. Und ich war der dritte. Das Projekt war ein voller Erfolg. Meines Erinnerns wurden deutlich über 90% der erwarteten Preise bezahlt, aber signifikante Unterschiede erkennbar, aus denen die Region lernen konnte. Und es brachte viele internationale Fernsehminuten ein, die sonst ein vielfaches gekostet hätten. Die Verstörungen, etwa beim legendären Adi Werner vom Hospitz am Arlberg, waren aber groß (siehe unten).

Wir gründeten also 93/94 formal das „Institut für Sozialästehtik“ und erklärten allen – auch im Tiroler Radio – dass die Geisteswissenschaften Wertvolles für Unternehmen zu bieten haben. „Erforschung und Vermittlung von schöpferischen Fähigkeiten im Zusammenwirken von Menschen“ haben wir es genannt (siehe unten).

Wir waren alle geistige Nerds, weil wir das Glück hatten bei guten Professoren und an liberalen Instituten zu studieren, besonders der Pädagogik und der Komparatistik (Vergleichende Literaturwissenschaft) in Innsbruck, wo uns auch z.B. Ausflüge in die Philosophie, Theologie, Architektur, Kunstgeschichte, oder Politikwissenschaft gestattet wurden. Wir waren eine Gruppe von Studenten, die mit impulsiver Leidenschaft studierte und nicht immer für alle Professoren leicht handzuhaben waren.

Für alle von uns spielte auch Anthroposophie eine Rolle. Wir meditierten und studierten die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners und auch die Sozialtheorie. Letztlich hat diese geistige Schulung uns entscheident geholfen unsere Ideen lebendiger und lebenspraktischer zu machen, denke ich. Das war auch der Hintergrund von Jack Moens und Lex Bos, unseren Lehrern aus Holland.

Jack war aber im Krieg Offizier unter den Allierten gewesen und passte eigentlich gar nicht zu uns Hippies und Alternativen. Aber er hat uns vom Kopf auf die Füße gestellt und unerschütterlich an uns geglaubt. Nicht weil wir die Voraussetzungen mitbrachten, überhaupt nicht. Sondern weil wir ein leidenschaftliches Ziel hatten, das etwas verwegen war. Und er hat uns immer hart gefordert, keine Theorie, wirklicher Impakt war sein Fokus. Und der war zunächst gar nicht leicht zu schaffen.

Übrigens waren Michael, Roland, Christian und ich alle auch zeitweilig aktive Rockmusiker. Das ist bezeichnend, weil „to rock and roll“ ja bedeutet, einen Stein ins Wanken und dann ins Rollen zu bringen. Der Stein war unsere Gesellschaft, die wir als recht geistlos erlebten, und auch nicht sonderlich an unseren Fähigkeiten interessiert. Aber wir wollten sie „rocken“;-)

Ab 1995 boten wir eine Fortbildung für Organisationsentwicklung in Innsbruck an. Jack war der Leiter und Michael und ich mussten alles organisieren und finanzieren und durften assistieren. Charly und Judith waren wieder dabei und auch Manager und Unternehmer aus dem Bereich Druckerei, Heizungsplanung, Bau, Industrie, Gastronomie, Bankwesen, Kolpingshaus, Schule, ein Patentanwalt usw. Oft aus dem Umfeld der engagierten Elternschaft der Waldorfschulen in Innsbruck, Meran und in D und CH.

Finanziell war alles schwierig. Unser Bankmanager Sepp Knoflach (Klarinettist bei den Viller Spatzen und ebenfalls Waldorfvater) hat zwar immer wieder mal unseren Kreditrahmen etwas erhöht, aber auch er forderte finanzielle Verbesserungen. Sepp hat sich dann im Gegenzug überzeugen lassen, dass die Hypobank mit uns kooperieren muss, damit wir das Thema Organisationsentwicklung etwas mehr in die Öffentlichkeit bringen konnten. Und er hat den Hypo Chef überzeugt. Es gab ja damals hier noch kein Studium und nichts dazu.

Jedenfalls muss man sagen, dass das anständig war von einer Bank (Sepp, Herr Meraner und Herbert Waltl vor allem). Auch der Alumni-Club der Sozialwissenschaftler, Sowi Club, (mit einer wunderbaren Frau, deren Name mir noch einfällt) kooperierte mit uns und wir veranstalteten einige visionäre Vorträge im Hyposaal (Programm siehe unten). Da waren coole Typen und Visionäre dabei, Ekkehardt Kappler oder Udo Hermannsdorfer zum Beispiel.

Alle die Menschen, von unserem Lehrer Jack bis zu Sepp von der Hypo Bank haben uns vertraut. Warum? Wegen der idee, die auch sie im Innersten richtig fanden.

Aber die Honorare, Druckkosten, die Miete für unser Büro und vor allem die Lebenshaltungskosten als junge Familienväter forderten uns sehr. Bis 1995 musste ich immer wieder nebenher als Vermessungstechniker arbeiten, der ich (wie Michael) ja auch war. ZB Piplinebau, 10 Tage-Woche, 12 Stunden-Tage, im Dreck, nur Männer. Aber ein paar Monate, und das Geld reichte wieder. 1995 habe ichs dann abgehakt und voll auf das Institut gesetzt, mit welchem wir aber mehr Kosten produzierten als Gewinn.

Also mussten wir ein paar Jahre Kurse für Arbeitslose geben, denn dafür gab es damals Geld vom Staat. Unsere Frauen Ingrid Kögler und Erika Salzmann, die beide auch mit beim ISA dabei waren, wuschen uns einmal den Kopf und machten uns auf unsere finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Kindern aufmerksam. Also mussten wir für irgend einen Träger versuchen als Trainer zu arbeiten, neben unseren idealistischen Vorträgen, Seminaren und Beratungen, die weiter liefen.

Drei Wochen lang, je 5 Tage ganztägig Arbeitslose zu unterrichten, das war eine Herausforderung. Aber Dr. Michael Peter von der Firma Mentor, später Merlin, und das AMS vertraute uns und wir hatten beide letztlich auch überdurchschnittliche Erfolgsquoten. Die armen Arbeitssuchenden mussten sich mit allem möglichen befassen, Biographiearbeit, Philosophie, Soziologie, Pädagogik, Kunst, Kommunikation, Martin Buber, Viktor Frankl usw., aber es gefiel ihnen und wir lernten alle viel. Also vor unmotivierten Gruppen oder „schwierigen Teilnehmern“ fürchteten wir uns von da an nicht mehr und wir wussten, wie sie anzupacken waren. Das Schicksal ist der große Lehrmeister.

Biographiearbeit, so wie wir sie damals erfunden und vorher an uns selbst geübt hatten, ging so: Jeder dieser rund 15 manchmal schon recht alten Menschen bekam einen Halbtag, auf den er sich mittels ca. 100 Fragen (nach Gudrun Burkhardt) vorbereitete, wie „Was war deine erste Erinnerung“, „Was hast du sehr gerne gemacht“ usw. Die Gruppe hörte dann zwei Stunden den Erzählungen zu und stellte Fragen. Dann bekam der Mensch von der Gruppe gespiegelt, was sie alles Schönes und Kräftiges in ihm sahen und in welchen Berufen sie ihn sich vorstellen könnten. Es zeigte sich, dass praktisch jede Biographie ein berührendes Kunstwerk war, welches alle in der Gruppe in den Bann schlug. Meine Frau Erika Salzmann hat auch als Seminarleiterin mitgemacht und eine Ausbildung zur Anthroposophischen Biographieberaterin gemacht. Eine Vorstufe zu ihrer spätern Psychotherapie-Ausbildung, wie auch bei Michael Kögler und etlichen anderen aus dem Institut für Sozialästhetik.

Dr. Michael Peter engagierte uns dann auch für Unternehmensgründungs-Programme für Arbeitssuchende und so kamen wir Geisteswissenschafter dann ums Jahr 2000 endlich auch zu unseren Gewerbescheinen als Unternehmensberater.

Ab dem Jahr 1997 nannten wir uns dann „Kögler & Salzmann“ und wir wurden quasi „normale“ Unternehmensberater. Politisch bedingt waren damals die Lehrlingsausbildner dran, und wir wurden jetzt Spezialisten für „zertifizierte Lehrlingsausbildner“. Dann war politisch Schulentwicklung dran und wir wurden Spezialisten für Schulentwicklung und haben viele Jahre Führungskurse für Schulleiter gegeben. Wie man so ein Spezialist wird, ist mir heute noch verwunderlich. Dann habe ich endlich auch die Führungslehrgänge am Wifi Innsbruck übernommen und so nach und nach alle 5 Module selbst unterrichtet, ca. 7 Jahre lang. Außerdem haben wir schon in den 90er Jahren begonnen an der Uni zu unterrichten. Prof. Martin Sexl und Prof. Elisabeth Brandhofer vertrauten uns und sie mochten unsere Begeisterung und Innovationsfreude.

Michael Kögler, Ingrid Kögler, Rudi Kallinger, Erika Salzmann und Christian Kessler sind dann alle Psychotherapeuten geworden. Amalia Wallnöfer ist heute eine vielfach prämierte „Farmfluencerin“ im Vinschgau. Von Doris Theiner, Olga, Klaus Pölzl und anderen weiss ichs nicht. Nur ich bin als Organisationsentwickler übriggeblieben, Michael ist es auch noch zusätzlich.

Der berühmteste in unserem Institut für Sozialästehtik ist aber wohl Roland Benedikter geworden. Ursprünglich hatte auch er (wie ich) Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, dann aber noch Pädagogik (wie Michael) glaube ich, und Soziologie und Politik. Auf jeden Fall ist er ziemlich gescheit. Bald hatte er drei Doktortitel, unterrichtete auf der ganzen Welt an Universitäten, etwa einige Jahre in Santa Barbara in Kalifornien und hat heute in seinem Heimatort Bozen einen Unesco-Chair für Politische Transformation. Er hatte im Namen des Instituts für Sozialästehtik 1997 das Buch „Wirtschaft und Kultur im Gespräch“ herausgebracht und 2001 als „Mitarbeiter des Instituts für Sozialästhetik“ fünf Bände zum Thema „Postmaterialismus“ im Passagenverlag, wo wir immer auch Artikel schreiben konnten. Auch er war einer von uns Begeisterten und ist es noch heute.

Unser armes „Institut“ war aber nur eine alte kleine Wohnung, oder mehr ein Lagerraum, second hand Möbel, zwei Computer, Aussicht auf eine Wand. Hier trafen sich verschiedene Lerngruppen, die sich auf unsere Vision einließen und das kärgliche Ambiente wegsteckten. Ingrid Kögler hat 1996 ihre Diplomarbeit an der Pädagogik über das Institut geschrieben. (siehe unten)

Also die meisten von uns mussten oder konnten dann doch in eine gesellschaftlich mehr akzeptierte Schiene einschwenken und wurden Therapeuten oder Unternehmensberater, Farmfluencer oder Professor. Michael ist heute der Obmann der Psychotherapeuten in Vorarlberg und wie Erika auch Lehrtherapeut. Ich blieb Organisationsentwickler und Führungskräfteausbilder und ging dann als Mitunternehmer zur Trigon Entwicklungsberatung, Roland wurde Universitätsprofessor.

Jede und jeder ist irgendwie „erfolgreich“ geworden. Also verdanken wir unserem kleinen „Institut für Sozialästhetik“ im Hinterhof der Innstraße 45 in Innsbruck letztlich doch viel, obwohl es klein und arm und unbekannt war und uns fast ruiniert hätte. Man könnte sagen, nichts gegen das heutige, 2005 von Michael Musalek gegründete „Institut für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit“ an der Siegmund Freud Uni in Wien und Berlin, mit dem wir auch freundschaftlich verbunden sind.

Und Jack, der Helfer, hat uns hart und existenziell gefördert, sonst wären wir nicht so gut weitergekommen. Er blieb 25 Jahre unser väterlicher Freund und auch spiritueller Lehrer bis zu seinem Tod.

Das ist ein subjektiver Erinnerungsbericht aus meiner Sicht. Andere Mitwirkende würden es anders erzählen.

Folder „Forum für Sozialästehtik“ 1997 (3 Jahre später als im nächsten Bild, aber besser lesbar)

Folder „Institut für Sozialästhetik“ 1994:

Folder Biographiearbeit 1994:

Vortrag mit Jack Moens im Hypo Saal 1994, zusammen mit unseren Gönnern Sowi Club und Hypo Tirol:

Sowi Club und ISA: Vortrag mit Lex Bos 1996

Vorträge im Hypo Saal mit Ekkehard Kappler, dem innovativsten Betriebswirten, den wir damals finden konnten und der von Witten Herdecke nach Innsbruck gekommen war. Er hat auch Claus Otto Scharmer am MIT maßgeblich gefödert (Theorie U). Udo Hermannsdorfer, dem Vorkämpfer für alternatives Wirtschaften und Lex Bos, u.a. dem Gründer der alternativen Triodos Bank, Buchautor, Berater in Holland, Südafrika und Brasilien.

Leporello Kögler&Salzmann, man beachte die ästhetischen Details;-)

Ein Seminar für „Umsteiger, Verzweifelte und Illusionisten…“. (Die Not zur Tugend gemacht.)

Unser Lehrer Jack Moens aus Holland und ein Tafelbild aus einem seiner Seminare.

Das Projekt „Werturlaub in Brand“, wo Gäste nur bezahlten, was sie wollten:

Roland Bendikter: Reihe Postmaterialismus, Passagen Verlag:

Lehrgang Organisationsentwicklung 1995 mit Jack Moens (NL):

Ingrid Köglers Diplomarbeit über das Institut, an der Pädagogik Innsbruck: